Im Kanu auf dem Yukon

Von den Quellseen bis zur Beringsee

Bärenblut

Von den vermeintlichen Pausentagen war ich so geschlaucht, dass ich relativ früh das nächste Camp auf einer Insel machte, so ungefähr zwei, drei Flussbiegungen nach der Brücke. Was „nur eine Flussbiegung“ ab jetzt bedeutete, durfte ich direkt kennenlernen. So eine „Biegung“ zu durchfahren – zur Sicherheit immer schön in Ufernähe bleiben – dauert dann mal locker eine dreiviertel Stunde oder mehr. Außerdem kam mir am Anfang noch eine Barge entgegen (ja, gegen die Strömung!) – die riesiegen Transportkähne fast ohne Tiefgang. Da es die erste Begegnung mit einer Barge dieser Größe für mich war, bin ich auch zur Sicherheit schön rechts ran und hab mir dann einen Ast gewartet. Um dann festzustellen, dass die Dinger keine Wellen machen, vor denen man als Kanut große Angst haben müsste 🙂 Aber auch mit anderen Problemchen durfte ich Bekanntschaft machen: Das Anlanden an den Inseln wurde etwas schwierig: Man war zwar „an Land“. Aber noch lange nicht dort, wo man Camp machen und das Boot sichern konnte – wie an der Nordsee bei Ebbe… Alles war insgesamt eine Nummer größer.
Für die nächsten Tage hatte ich mir vorgenommen, immer ein bisschen früher mit dem Paddeln zu beginnen, um irgendwann wieder einen zur Tageshelligkeit passenden Rythmus zu haben. Zumindest beim ersten Versuch klappte es einigermaßen: 3.45 erreichte ich die vorab ausgesuchten Insel, die Aussicht auf das gegenüberliegende Ufer im Sonnenaufgang war grandios. 5 Uhr im Schlafsack, 11.00 Uhr Saunatemperatur im Zelt. Trotzdem war es tagsüber windig. Wieso kriegt mein Zelt denn nix von der kühlenden Belüftung ab? Ach ja, ich habs ja immer so geschützt aufgebaut, dass ich wenigstens ein paar Stunden Ruhe vor der Sonne habe… damit aber auch Ruhe vorm Wind 🙂

Krach im Unterholz
Heute sieht es gut aus, ich könnte schon um 18 Uhr lospaddeln und packe meine Sachen zusammen. Plötzlich gibt es einen lauten Knall. Was war Das? Ich blicke mich um und entdecke Rauchkringel im Himmel, Richtung stromaufwärtsgelegener Spitze der Insel. Das muss ein Schuss gewesen sein. Aber sonst nichts zu hören. Oder braucht jemand Hilfe? Ich stecke den SOS-Messenger wieder an den Arm, löse das Bärenspray aus meinem Gürtel und schnappe mir die Axt, dann gehe ich zum Ufer Richtung Inselspitze. Ich rufe laut. Nichts. Ich laufe weiter, fange an zu rennen, rufe weiter. Dann, plötzlich, sehe ich ein Zelt, davor ein Männlein hocken. Gefährlich sieht es hier nicht aus, ich werde langsamer. Dieses Zelt… ich kenne es. Es ist Denis, der Schwimmer. Er freut sich, mich zu sehen und nicht einen Bären. Er hat einen Bear-Banger abgefeuert, weil ihm die Geräusche im Unterholz (meine Geräusche vom Abbauen) nicht geheuer waren. Nach dem Schwätzchen und furchtbar vielen Süßigkeiten breche ich auf. Nicht um 18, aber wenigstens um 19 Uhr. Die Rampart-Rapids warten auf mich – die letzten Stromschnellen des Yukon. Hier liegen jede Menge große Felsen in der Mitte des Flusses. Bevor ich diese passiere, mache ich an einer Insel vor dem Dorf Rampart Pause und vertilge gegen 23 Uhr Müsliriegel und geröstete Erdnüsse, dazu eine Tasse Kaffee aus der Thermoskanne. Ein Elch will den Fluss durchschwimmen und dreht ab, als er mich bemerkt. Zu dunkel für ordentliche Fotos – schade. Die Rapids selbst sind nicht etwa direkt am Dorf Rampart, sondern Kilometer später, an einer engeren Flussbiegung. Links und rechts der Felsen kann man gut passieren – kein Problem. Danach komme ich an vielen Fishcamps vorbei. Sie sind zurzeit bewohnt, aber natürlich ist des nächtens niemand zu sehen. Mist. So bekomme ich hier nichts vom Leben am Fluss mit. Ich suche mir eine Insel ca. 16 Meilen weit vor Tanana – dem Dorf gegenüber der Einmündung des Tanana-Rivers, dem größten Zufluss des Yukons. Ich hoffe, morgen dort zwischendurch halt machen zu können, um eine warme Dusche mitzunehmen. Und und Wäsche zu waschen.

Pustekuchen
Die Idee war verständlich, aber der Wind machte mir einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Zwar paddelte ich zeitig los. Trotzdem musste ich, als ich gegen 17.45 (gerade einmal 8 Meilen), von Treibholz überholt wurde, die Sinnlosigkeit meines Kampfes einsehen und landete an. Boot festgemacht, die Böschung rauf, Zeltplatz suchen, wieder runter. Regen dräute nicht, also wartete ich einfach, aß etwas und hockte im Campingstuhl (ja soetwas habe ich tatsächlich mitgeschlört). Es flaute auf einmal ab. War ja klar – wenn ich anlande, hörts auf. Ich traute dem Braten aber nicht und lege mich ans Ufer, schlief eine Runde. Nachdem ich aufwachte, konnte es relativ unkompliziert weitergehen. Tanana erreichte ich dann erst um 20.30 Uhr, nachdem ich zu Beginn des Dorfes von gefühlten tausend Schlittenhunde-Teams angebellt wurde. Am Ufer traf ich auf den örtlichen Flughafen-Wetterfrosch Alex. Ein Ungar, der vor 50 Jahren hierhin ausgewandert ist. Er fuhr mich ein wenig rum, zeigte mir auch den lokalen Campingplatz des Dorfes – sehr schön am Ende des Dorfes gelegen und mit Plumpsklos! Die Washeteria hatte aber zu und machte erst am nächsten Tag um 12 Uhr mittags wieder auf, nur frisches Wasser konnte ich bunkern. Es war schön in dem Ort, aber wegen einer Dusche und Wäsche einen Tag zu warten machte irgendwie keinen Sinn und so fuhr ich weiter. Gegen Mitternacht paddelte ich zu einer Hütte am Ufer (Cabin), zu der mich drei dort sitzende Männer winkten. Es gab Tee und ein paar Infos. Sie kamen aus Tanana und kontrollierten hier ihre Fischnetze. Nachdem ich die Hütte verlassen hatte, musste ich zum ersten mal feststellen, dass man nicht mehr an allen Inseln anlanden konnte – Abbruchkanten. Mist. Soo viele Inseln gibt es hier laut Karte nicht und am Festland wollte ich wegen möglicher Bären nicht campen. Dann sah ich am Ufer (Festland) eine Ansammlung von Hütten und Booten. Was war denn das? Ich paddelte hin und spekulierte auf einen Platz zum Zelten. Wie sich herausstellte war es ein Bibelcamp – Ferienbetreuung für Kinder und Jugendliche, Landebahn für Buschflieger – ein kleines Dorf. Ganz wohl war mir nicht bei der Sache, denn ich konnte niemanden um Erlaubnis bitten. Insgesamt war ich aber zu kaputt, um weiterzufahren. Ich suchte mir ein Plätzchen nah am Ufer so dass ich eigentlich niemanden stören konnte, aber nah genug um nicht übersehen zu werden. Ich befestigte ein Zettelchen am Zelt und fiel um 3 Uhr in tiefen Schlaf. Irgendwann näherten sich erwartungsgemäß Schritte meinem Zelt. Gunnar aus Galena war einer der Betreuer hier vor Ort und rüttelte an meinem Zelt. „Beauftragt“, rauszufinden, wer denn da sein Zelt aufgebaut hatte. Nach er kurzen Unterhaltung war schnell klar, dass ich doch kein Verbrecher war. Aber es war offenabr auch gut, dass nachts niemand zum Fragen da war, denn dann hätte man mich wohl weitergeschickt… Aber jetzt wo ich schon mal da sei – kein Problem. Im Laufe des Tages kamen dann eine ganze Reihe der Betreuer vorbei, einer wollte mir gar eine 5-kg Bibel mitgeben – ich war wohl eine willkommene Gesprächsabwechslung. Oder Bekehrungskandidat. Gunnar gab mir zum Abschied sogar noch ein reich bestücktes Lunchpaket mit, als ich gegen 17 Uhr meine Sachen packte. Nur unten am Boot… der Wind war wieder da. Merkwürdig. Eigentlich flaute es um diese Zeit ab und nicht auf. Was soll’s – Boot wieder entladen war keine Option, also legte ich mich auf den schwimmenden Steg versuchte zu schlafen. Kaputt war ich. Immer noch. ich hatte irgendwie den Eindruck, dass außer Anstrengung im Boot (inkl. Wind) nicht wirklich etwas passiert ist und mir irgendwie etwas fehlt. Meine Akkus waren alle? Ich schlief ein. Es wurde zugig – ich zog meine Jacken an und schlief wieder. Zwei Stunden weiter hatte es etwas abgeflaut und ich wollte weiter, setzte darauf, dass es ab jetzt „normalerweise“ weiter abflaut. Tat es auch. Heute sollte es durch die „Boneyards“ gehen. Eine Stelle, an der der Yukon durch zehntausende Jahre alten Permafrostboden schneidet und an dieser Stelle („The Palisades“ genannt) regelmäßig
eingefrorene Kadaver von Eiszeitsäugetieren (z.B. Mammuts) freigelegt werden. So soll es bei wenig Wind auch nach Verwesung riechen. Wie sich später herausstellte, passte aber meine Route – die ich nach einer Beschreibung an der am geringsten Windanfälligkeit orientierte – nicht zur Erkundung der Boneyards passten. Irgendwie war heute insgesamt der Wurm drin. Gegen 1 Uhr nachts fing es wieder an, windig zu werden, und gegen 3 Uhr – als ich rechts am Festlandufer ein relative gutes Plätzchen entdeckte und gleichzeitig geradeaus in 2-3 Meilen Entfernung sichtbar Sand durch die Luft gefegt wurde – legte ich an. Das es Festland war, war mir diesmal völlig egal. Morgen geht bestimmt nix. Aber immerhin kann ich dann pennen.

So wars auch. Es stürmte und Regen gabs auch ab und zu. Trotzdem versuchte ich wieder um 17 Uhr loszumachen, als es auf einmal völlig abflaute. Nur da hinten, wo gestern die Sandstürme waren, waren jetzt immer noch Sandstürme – egal, die flauen bestimmt auch bald ab. Taten die nicht. Nach ungefähr einer Meile musste ich wieder anhalten für ca. eine halbe Stunde, danach war es nach ca. einer halben Meile wieder so weit. Moment. Noch bis zu der Cabin da vorn. Die sieht bewohnt aus – dort eine Pause zu machen macht bestimmt mehr Spass. Ich paddelte also zur Anlegestelle und wurde sogleich von einem Motorboot und Menschen am Ufer begrüßt. Ob ich hier eine kurze Pause machen dürfe – ja sicher! Auch das fast schon erlösende „Kannst auch hier zelten“ wurde mir sogleich angeboten. Puh. Aber ein Schwarzbär sei heute morgen im Camp gewesen. Den habe man mit Schüssen verscheucht, aber es könnte sein, dass der wiederkommt. Ob ich denn eine Waffe dabei hätte. Nö. Dann wird man mir eine geben. Ähhh… ok. Dann gab es für mich aber erstmal Reste vom Abendessen, von dem noch reichlich übrig war. Leckerer Bohneneintopf – es war fast wie im Himmel hier. Man zeigte mir noch „eben“ die 4-10, eine Art Schrotflinte mir kleinerem Kaliber als hier üblich, die ich im Notfall zum Verscheuchen des Bären nutzen sollte (und um alle anderen zu wecken). Dann wollte er noch eben das Fischnetz kontrollieren – ob ich denn mitwolle. Aber sicher! Während der Wind noch blies, fuddelten wir Lachse aus dem Netz, dass ins Kehrwasser vor der Cabin gelegt war. Wow, ich nehme am Subsistence-Leben teil! Im Netz waren aber hauptsächlich Chum- oder Dog-Lachse (Salmon), die Familie war eigentlich auf Kingsalmon aus. Den könne man am besten trocknen und räuchern, denn das Fleisch ist am fetthaltigsten (rote Farbe).
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Bärenblut
Puh, da war heute ganz schön viel los. Vielleicht kann ich ja morgen auch noch hierbleiben und ein wenig helfen, das ist bestimmt eine gute Abwechslung, denke ich. Ich gehe zum Zelt und krame ein wenig herum, um alles Bett-fertig zu machen. Mein Blick fällt auf die Schrotflinte. Ob ich die wirklich brauche? Aus einer Ahnung heraus erhebe ich mich und blicke auf. Ein schwarzer Meister Petz steht, nur gut 20 Meter von meinem Zelt entfernt, halb hinter einem Busch und erkundet schnüffelnd mit der Nase in der Luft das Camp. Ähh…. Ich versuche, mich groß zu machen und zu rufen, die Hände über den Armen. Es interessiert ihn nicht, und er bewegt sich auch nicht irgendwohin. Die anderen sind schon im Bett? Was jetzt? Bärenspray. Nee erst die Flinte. Erst laden, aber geknickt lassen. Dann Bärenspray in die andere Hand, zur Not fallen lassen. Aber was will ich denn tun? Wenn ich ihn verscheuche – der kommt doch wieder? So gehe ich also, den Blick immer auf dem Bären, zum Haupthaus und rufe die anderen wieder heraus. Der Bär wird von heute morgen wiedererkannt. Die Entscheidung ist schnell gefallen. Wenn der heute morgen verscheucht wurde und jetzt schon wieder da ist – es sind auch drei kleine Kinder im Camp. Tom holt die Shotgun aus dem Haus und geht ein paar Schritte auf den Bären zu, dann in die Hocke. Ein Schuss, und der Bär liegt am Boden, die Tatzen zucken noch. Noch ein Schuss. Warten. Der Bär, er ist tot. Doch was tun mit dem toten Bären? Kein Problem, Schwarzbär kann man essen. Flugs werden die Pfoten mit einem Seil zusammen gebunden und der Bär runter zum Wasser gezogen, an meinem Zelt vorbei. Vorbei? Nicht ganz. Bevor ich richtig registriere, was passiert, ziehen wir den Kadaver über die Sturmleinen meines Zeltes, Blut bleibt zurück. Aber es ist keine Zeit für so einen Firlefanz, wir sind schon am Fluß. auf einer Plane hieven wir den Kadaver ins Boot und fahren raus. Hat jemand ein Messer? Ja klar, ich reiche Tom das Puma-Jagdmesser, das ich mal von meinem Vater bekommen habe. Schon ist der Bauch fein säuberlich aufgeschlitzt und die Eingeweide werden versenkt, dann fahren wir zurück.

Wieder an Land, schaue ich nachdenklich auf mein Zelt. An meinen Händen, da klebt Bärenblut.

Little Bernd at the bridge

Moment mal… Bacon-Cheeseburger?
An der Brücke ist das sog. Yukon-River Camp. Es ist Tankstelle, Motel und Schnellrestaurant in einem. Das vorletzte am Dalton Highway nordwärts Richtung Prudhoe Bay (Deadhorse) am Nordmeer. Trucks machen hier halt, und auch unfassbar viele Reisende für eine kurze Pause und ein schnelles Essen. Ein Paradies ist das hier aber wahrlich nicht. Der Dalton Highway ist eine Schotterpiste, so auch der Vorplatz vor dem „Camp“, das eigentlich nur eine Ansammlung von aneinandergereihten Containern auf der nordwestlichen Seite der Brücke ist, und im Winter wird es sogar geschlossen, wie ich erzählt bekomme. Wenn es regnet, ist es schlammig – wenn nicht, unfassbar staubig. Am Anfang des Vorplatzes hat eine Frau eine kleine Bretterbude, in der sie selbstgefertigte Andenken verkauft, und auf der anderen, östlichen Seite ist eine etwas größere Bude, in der so etwas wie ein Ranger sitzt – es gibt hier Infos über Flora und Fauna am Yukon und entlang des Dalton Highways. Rund um den Anleger auf der nordwestlichen Seite der Brücke stehen unglaublich viele PickUps und Anhänger – jeder in Alaska scheint hier sein Boot zu Wasser zu lassen. Insgesamt ist hier also quasi die Hölle los.

Hitch-Hikers Guide to Alaska
Was also tun mit der Isomatte? Vor Ort scheint niemand zufällig eine zu haben. Nach ein paar Telefonaten wird mir nerneut klar, wie schwierig das hier oben eigentlich ist. Es hilft nur eins: Per Anhalter nach Fairbanks. Aber von den wenigen, die nach Süden fahren, hält niemand an. Ich werde nervös, denn morgen ist der 4. Juli – Nationalfiertag. Da hat der Outdoorladen sicher auch nicht auf und dann verliere ich ja satte 3 Tage wegen einer Isomatte. Ein Telefonat später kehre ich aber beruhigt zu meinem Daumen-Raushalte-Punkt zurück und werde – natürlich – sofort mitgenommen. Ein RV (Wohnmobil) hält an und die beiden Freunde Bill und Chris, die sich vor Jahrzehnten auf dem Apalachian-Trail kennengelernt haben, nehmen mich mit. „Du sahst so aus wie wir damals, da mussten wir Dich mitnehmen“. Chris ist Professor an der Uni in Washington DC. Zufälle gibts…
Wir kommen sogar noch pünktlich vor Ladenschluss in Fairbanks an, ich kann alles besorgen. Für einen Hitch zurück ist es mir aber zu spät und ich kehre wieder in Billie’s Backpacker Hostel ein, Billie’s Sohn Franky (Billie ist übrigens eine Frau) bringt mich den nächsten morgen auch zu einer günstigen Stelle zum hitchen zurück zur Brücke. Das stellt sich dieses mal aber als überaus kompliziert heraus. Erst nimmt mich jemand ein paar Kilometer bis nach Fox weiter, dort ist eindeutiger, wer wirklich Richtung Norden will. Von dort nehmen mich Karl und seine Tochter mit, die nach Manly Hot Springs wollen, um dort Freunde von einer Kanutour abzuholen. An dem Abzweig lässt er mich raus – wer hier nach Norden will, will auch zur Brücke. „I dont’t have my raingear with me!“ sagte ich beim Einsteigen und bekam ein „No Problem, there’s shelter. I know the place.“ zur Antwort. Als wir jetzt aber tatsächlich da sind… nix mit Shelter, und am Himmel überall tiefgraue Wolken. Es ist Karl sichtlich unangenehm, aber schließlich sagt er „Hey, I am sure someone will pick you up immediately. Otherwise… You know, I’ll be back in a couple of hours and I could bring you back to town.“ Einen Augenblick später stehe ich mitten im… nichts. Ich gucke Karls langsam verschwindendem Wagen hinterher. Als es von irgendwoher grummelt, anfängt zu nieseln und ich merke, dass ich nicht weiß, wo ich das Bärenspray gelassen habe, überkommt mich das ungute Gefühl, gerade etwas sehr, SEHR Dummes gemacht zu haben.

Zwiebelringe mit Honig
Gefühlte drei Stunden später sitze ich schön im warmen Pick-Up von Yuri, einem estonischen Soldaten. Passiert ist bis dahin nichts. Es sind vielleicht zehn, zwölf Autos vorbeigekommen – soviel zu „immediately“ 🙂 Aber eben auch kein Unwetter. Fünf Minuten später öffnen sich dann aber die Himmelspforten mit aller Gewalt. Noch mal Glück gehabt… Wieder an der Brücke sehe ich nicht ganz überraschend das Zelt von Denis an der Rangerstation. Wir essen abends zusammen und unterhalten uns ziemlich lange. Denis bestellt Zwiebelringe mit Honig. Etwas, das ich im Leben nicht ausprobiert hätte, aber nun ganz hervorragend finde. Er ist 54 und hat vor drei Monaten seinen Job in der kanadischen IT-/Versicherungs-Branche an den Nagel gehängt. Dazu hat er sich vor weiteren zwei Jahren von seiner Lebensgefährtin getrennt, hat alles Mögliche verkauft ist – um Geld anzusparen – in eine kleine Wohnung gezogen, die nah an seiner Arbeit war. Er will jetzt nur noch reisen. Ausrüstung, Geld, Stauraum hat er überall in der Welt auf Freunde aufgeteilt. „Then it is time to remeber your friends.“ Wie sein Umfeld das denn so aufgenommen habe, will ich wissen. „Then it is time when you realize who is truly your friend.“, bekomme ich die mittlerweile für mich relativ vorhersehbare Antwort. Die Frau eines Freundes habe ihm sogar den Umgang mit selbigen verboten, damit er diesem keine „Flausen“ in den Kopf setzen kann. Ich frage mich im Stillen, ob dass denn funktioniert und ob das ein erstrebenswerter Umgang miteinander innerhalb einer Beziehung ist. Ich komme für mich zu einem eindeutigen Nein. Gegen 20 Uhr verabscheiden wir uns und verkriechen uns noch in unsere Zelte – wir brauchen noch etwas Ruhe, bevor es weitergeht. Ich kann aber nicht schlafen, wohl auch wegen des verqueren Nacht-/Tag-Rythmusses aus den Flats. Und auch, weil sich das Wetter so unklar zeigt. Wenn das morgen richtig schlecht ist, kann ich nicht paddeln und dann habe ich hier richtig Zeit verplempert. Nachdem ich mir eine gefühlte Ewigkeit so selbst auf die Nerven gegangen bin, packe ich schließlich alles ein und verschwinde von der Brücke. Heimlich in der Nacht Richtung Westen.

The little man and the bridge

As the little man approaches the bridge,
the people asked him: „North or south?“
„West“, he told’em.
But people wouldn’t listen.
People knew better.
The bridge can only be crossed north or south.

When the little man passes underneath the bridge towards west,
people are still heading north or south.

Once again: Die Yukon-Flats

Typisch alaskanisch verzögerte sich die Abfahrt am Samstag noch. Das Kanu, an dem ich noch eine Spritzdecke installieren ließ, war nämlich noch nicht fertig. Ich wurde langsam etwas nervös – besonders große Sorge hatte ich, eine windige Ausgangslage vorzufinden. Erst gegen 22 Uhr kamen wir in Circle an – Windstille. Und noch bevor ich sentimental oder zögerlich werden konnte, paddelte ich sofort los. Meine Kraft reichte aber verständlicherweise nicht besonders lange und so gegen 4 Uhr nachts legte ich dann an irgendeiner Insel an, kroch sofort ins Zelt. Auch am Morgen erwartete mich Windstille, die ich natürlich sofort weiter ausnutzte. Ich paddelte unter strahlend blauem Himmel. Unglaublich. Nur am frühen Nachmittag dräute von Westen her eine Gewitterwolke. Als es das erste mal grummelte, gab ich nach, legte an und wollte das Spektakel abwarten. Doch erst mal passierte nichts. Trotzdem wollte ich deswegen nicht gleich das Zelt wieder abbrechen, nur um dann böse überrascht zu werden. Blöderweise konnte man es im Zelt nicht aushalten vor Wärme, also legte ich mich einfach ans Ufer ein wenig in den Schatten. Mücken waren Gott sei Dank noch nicht unterwegs und ich schlummerte friedlich. Sand fegte plötzlich durch mein Gesicht, das Zelt wackelte – jetzt ging es doch los. Schnell alles verstaut und ab ins Zelt, Schotten dicht. Draußen war die Hölle los.

Geschichte wiederholt sich?
Peng! Knallte es. Häh? Nochmal: Peng! Es dauerte etwas, bis ich bemerkte: Durch meine offenabr höchst elegante Einstiegsaktion ins Zelt hatte ich es geschafft, meine Isomatte zu sprengen. Aber nicht komplett, sondern nur die Befestigungen im Inneren, so dass jetzt eine riesige Beule darin war. Oh man…das kann doch nicht wahr sein! Wenn ich mich schräg drauf lege geht das ja noch, aber das wird doch nicht besser? Egal. Ich schlafe erst mal. Aber es wurde draußen nicht besser. Das große Gewitter war zwar schnell vorbei, aber der Wind blieb. Also Warten. Das kannte ich ja schon…? Aber auch die damit verbundene schlechte Laune. Boa. Noch keine 2 Tage gepaddelt und schon sowas. Ich könnte kotzen. Gleiche Stelle (nee, noch früher), ähnlicher Mist. Warum zur Hölle musste ich das nochmal weitermachen? Es nützte alles nichts. Schlafen. Gucken. Weiterschlafen. Das ging dann auch den Montag so, meine Laune wurde nicht besser. Ich beschloss, in der Nacht zu paddeln, wenn es dann besser wäre. Und tatsächlich, das wurde es. Gegen 23 Uhr packte ich alles zusammen und paddelte durch eine unfassbar schöne Nacht und erreichte am Ende gegen 07.30 sogar – völlig erschöpft – Fort Yukon!

Kanu-Prominenz
Am Anleger erwartete mich eine Überraschung. Wolfang Schwarzer – den Kanuten wird dieser Name sicher etwas sagen – beendete zusammen mit seinen drei Reisegefährten hier seine Tour. Die Welt ist klein.
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Nach dem fälligen Schwätzchen und ein paar Fotos machte ich mich auf zu Ginny, dort wollte ich doch wenigstens Hallo sagen und Grüße von Thommy, Franky und Ralph bestellen. Eine Dusche und Wäsche machen gabs da natürlich auch, und ein ordentliches Nickerchen. Bei Daghos Haus am Fluss (Ginnys Sohn) konnte ich das Kanu parken und zelten. Schnell das zweite Nickerchen im Zelt gemacht, abend gegessen, mit Birgit geskypt und dann war es auch schon 10 Uhr abends – Zeit zum Aufbrechen, denn das Nachtpaddeln wollte ich beibehalten. Offenbar hat mich der Tag bzw. die Nacht vorher aber ziemlich erschöpft, so dass ich relativ früh eine schöne Insel ansteuerte, um Camp zu machen. Kurz vorher konnte ich den ersten freilebenden Wolf meines Lebens sehen – leider hatte ich das falsche Objektiv drauf und die Zeit zum Tauschen war zu knapp. Auf einem Bild kann man erahnen, dass da ein Wolf stehen muss. 🙂
Das Problem an dem Nachtpaddeln ist, dass man tagsüber schlafen muss. Da knallt aber die Sonne aufs Zelt und es wird unerträglich warm. Also aufgepasst, wo man das Zelt aufschlägt. In der nächsten Nacht schaffe ich es bis nach Beaver, einem klitzekleinen Örtchen in den Flats. Um 6 Uhr morgens versank ich fast im Schlamm am Ufer, und schaute mich dann um. Mir wurde schnell klar, hier nicht das Zelt aufzuschlagen. Generatoren liefen, kein geschützter Platz – ich verließ das Dorf wieder und zelte einfach auf der Insel gegenüber. Tagsüber, erholte ich zum Schutz vor der Sonne unterm Kanu im Schatten. Die Erschöpfung im Kopf machte sich bemerkbar, denn mir war irgendwie zum Heulen zumute. „Was tue ich mir hier eigentlich an? Der Fluss wird immer größer und nur mit solchen Verrenkungen funktioniert das? Ewig kann ich nicht durch die Nacht paddeln, denn irgendwann wirds auch wieder dunkel.“ Ich schlief aber unterm Kanu ein und die unproduktiven Gedanken verschwanden damit auch. Ein paar Überraschungen erwarteten mich in der folgenden Nacht: Erst dräute ein Gewitter, so dass ich schon anlegte und im strömenden Regen das Zelt aufbaute, dann verzog es sich wieder. Pah. Ich paddelte weiter.

Denis
Wieder gegen 6 oder 7 Uhr erreiche ich das Ziel, das ich mir vorher ausgeguckt hatte. Dort steht aber schon ein Zelt. Und Zeugs liegt am Ufer. Aber kein Boot? Ist hier etwa ein Unglück passiert? Ich will doch nur schlafen… Ich mache mich auf zum Zelt und rufe. Nach einiger Zeit kommt tatsächlich ein Kopf zum Vorschein. Es ist der Kanadier Denis Morin. Er schwimmt (!) den Fluss runter… Deswegen auch kein Boot. und das Zeugs am Ufer waren seine Ausrüstungs-Bojen(Floße?). Ich will ihn aber nicht lange stören und baue mein Zelt ein bißchen entfernt auf. Natürlich revanchiert er sich des Morgens für das Stören, als er sich verabschiedet. Ich schieße noch schnell ein paar Fotos von dieser für mich noch sehr skurrilen Situation (Denis beim Einsteigen ins Wasser – Neopren, Riverboard und Schwimmflossen), dann verkrieche ich mich wieder. Mistwetter.
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Denis erzählte auch, dass er das Gewitter letzte Nacht volle Rohr abbekommen hätte. Ich bin jedoch überglücklich, dass es schlechtes Wetter hat – es regnet den ganzen Tag. Das heißt für mich: Endlich lange im Zelt schlafen können! Natürlich werde ich etwas nervös, als es so gar nicht aufhören will, aber gegen 23 Uhr hört es doch auf, so dasss ich mich traue, etwas zu kochen und dann gegen 1 Uhr nachts weiterzupaddeln. Ich könnte sogar die Brücke erreichen. ich paddle und padddle also, lasse ds Dorf Stevens Village am Morgen neben mir liegen und bilde mir dann ein, gegen 11 Uhr an der „Brücke“ sein zu können (die Brücke ist die letzte Straßenanbindung des Yukon – siehe auch Eintrag „Little Bernd at the Bridge“). Ganz kurz machen sich ganz absurde Gedanken breit: Ich könnte ja noch Teile vom Viertelfinale gegen Italien sehen… das zerschlägt sich aber alles, als die Flats nach Stevens Village tatsächlich zu Ende sind und ich einsehen muss, dass der Fluss hier einfach nicht genug Strömung hat. Es zieht sich alles furchtbar in die Länge – Kauuuuuuuugummmmiiiiiii. Das ich natürlich schon die ganze Nacht durchgepaddelt bin, macht es nicht besser. Trotzdem schaffe ich es zur Brücke – ca. gegen 15 Uhr lege ich am Anleger an. Total kaputt. Jetzt schnell Birgit angerufen. Hatte ich sie doch gebeten, mit Hilfe meiner Kontakte eine neue Isomatte zu Brücke zukommen zu lassen. Leider hat das nicht funktioniert und ich versuche, mir etwas anderes einfallen zu lassen. Ich merke aber sehr schnell, dass ich sowohl Dünnpfiff denke als auch rede – die Erschöpfung macht sich mehr als bemerkbar – und verschiebe das nach einer sündhaft teueren Dusche und einem Bacon-Cheeseburger auf morgen. Erstmal schlafen.

Paddelbilanz
415 km in 7 Tagen (26.06. bis 02.07.), davon 1 Tag Schlechtwetter-Warten.
Schweres Navigieren? Hm. Bis Fort Yukon ließ ich das Boot treiben, wenn es unklar wurde. So konnte ich erkennen, wo die Hauptströmung lag. Funktionierte hervorragend. Fast zwangsläufig trieb es mich an gewissen Stellen entlang, die ich sogar wiedererkannte. Ab Fort Yukon nutze ich zusätzlich eine Karte, die mir Teilnehmer des Yukon1000-Rennens gegeben hatten (kennengelernt in Dawson vor zwei Jahren). Die Wasserflächen werden ab Fort Yukon größer, so dass man schon recht weit vom Ufer entfernt sein muss, um das Treiben-lassen konsequent fortzuführen. Ich habe die Karten benutzt und es hat funktioniert. Das Anstrengendste war vermutlich der verquere Tag-Nacht-Rythmus, den ich kurz nach dem Verdauen des Jetlags auf mich genommen habe, und die immer größer und langatmiger werdenden Abschnitte. Highlight war natürlich der Wolf! (Fast in der Mitte, zwischen Kiesbank und Treibholz…)
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Planänderung

Meine Reise im Kanu ist nach 885 km beendet. Nicht wegen des Wetters, sondern allein wegen meiner Entscheidung. Es fühlte sich einfach nicht gut, nicht richtig an, weiter zu machen. Der Fluß ist so furchtbar riesig, dass mir das Paddeln keinen richtigen Spass mehr gemacht hat und ich mich nicht wohl gefühlt habe. Spendenaktion hin, Spendenaktion her – Stolz hin, Stolz her. Es muss Spass machen und offenbar gehöre ich nicht zu denjenigen, die sich drei Wochen lang quälen können, um nachher sagen zu können, dass ich mich drei Wochen lang quälen kann. (Drei Wochen wären die geschätzte Restdauer in reiner Paddelzeit ohne Schlechtwetter auf 830 restlichen km.)

Ich versuche nun, auf anderen Wegen an die Beringsee zu gelangen!! Deswegen bitte nicht wundern, wenn die SPOT-Seite merkwürdige Ergebnisse liefert…

Das heißt aber nicht, dass es hier nichts zu schreiben gäbe. Habe ich trotzdem genug, aber Internet – und Zeit, etwas aufzuschreiben – ist hier oben etwas schlecht. Ich gebe mein Bestes 🙂 beim Schreiben und beim Reisen! Bis bald!

P.S. Ich bin nicht am Boden zerstört, keine Sorge!

Leinen los!

Puh. Nach drei anstrengenden Herumorganisier-Tagen in Fairbanks und Kurzzeit-Nervösität werde ich heute abend das Boot in Circle zu Wasser lassen. Es hat übrigens noch keinen Namen…

Mike, den ich vor zwei Jahren kennengelernt habe, wird mich in Begleitung seiner Enkelin dahin bringen. (siehe Eintrag „Roadtrip – Teil I) – die beiden machen dann ein kleines Camping-Wochenende daraus. Nachdem ich kurzfristig nervös geworden bin, weil er sich seit einer Woche nicht gemeldet hat (ich hätte schön blöd aus der Wäsche geguckt wenn das mit seinem „Ride“ nicht funktioniert hätte), ist er gestern (Freitag) direkt am Hostel vorbeigekommen und hat mich direkt zu einer lokalen Craft-Brewery (Hoodoos) hingeschleppt… hier gibt es ein gutes IPA. Kontakte sind einfach Gold wert!

Als ich das letzte mal in Circle war, bin ich „achtkantig“ aus der lokalen Supermarkt-Tankstelle geflogen: Es war kurz nach dem WM-Halbfinale gegen Brasilien. Nachdem ich rausgefunden hatte, dass das Halbfinale mit sage und schreibe sieben zu eins gegen Brasilien gewonnen wurde, musste ich mir bei youtube unbedingt die Tore angucken… leider hatte ich durch diese Aktion das Datenkontingent der Familie gesprengt, was sehr schnell aufgefallen ist. (Ich bin natürlich nicht rausgeflogen, ich habe nur einen deutlichen „Hinweis“ bekommen.)
Fussball wird es für mich diesmal allerdings nicht geben. Ich möche zwar Ft.Yukon wieder ansteuern, aber das Achtelfinale zu sehen wird nicht funktionieren (das Finale der WM 2014 konnte ich damals dort sehen 🙂 ).

Langsam steigt die Anspannung!

Ich möchte noch kurz Werbung für die von mir eingerichtete Spendenaktion machen: Auf der rechten Seite seht Ihr ein Bild von der Kampagne „Fühlen lassen“ der DKMS, die mich sehr berührt hat (siehe Eintrag „Wenn Aufgeben keine Alternative ist“). Anders als hier auf meiner Tour gibt es für Blutkrebs-Patienten nicht einfach so eine Ausstiegsmöglichkeit. Ich werde daher nach Abschluss der Tour einen Betrag pro von mir gepaddeltem Kilometer (es könnten ca. 1.600-1.700 km werden) an die DKMS spenden. Ich würde mich freuen, wenn Ihr Euch ebenfalls dazu begeistern könnt und und auch einen kleinen Betrag (in welcher Form auch immer) spenden mögt. (Und auch, ein wenig Leben auf die Spendenaktionsseite zu bringen.)

Wenn Aufgeben keine Alternative ist

„There is no choice.“      (Eddard Stark)


Ich schlurfe an der Straße entlang über den Bürgersteig. Es regnet und der Wind bläst kräftig, ich ziehe den Kragen meiner Jacke ein wenig fester. An einer Bushaltestelle fällt mein Blick auf ein Plakat. Man sieht das schweißperlende Gesicht eines jungen Mannes, er blickt konzentriert nach schräg unten. Was ist denn das für eine Werbung. Und wieso fällt die mir überhaupt auf – bin ich doch sonst ein Weltmeister im Übersehen von Werbung. Plötzlich donnert es, ich erschrecke kurz und haste weiter.

Ein paar Tage später fällt mir das gleiche Plakat wieder auf. Diesmal aus dem Auto – ich lese im Vorbeifahren etwas von Aufgeben und Alternative, aber das wars. Das Bild des jungen Mannes bleibt mir noch ein wenig im Kopf, aber der Straßenverkehr buhlt schnell und erfolgreich um meine Aufmerksamkeit.

Sie ist jetzt eineinhalb Jahre her, die große Tour. Nach einem einjährigen Pendelintermezzo in – nee aus – Osnabrück hat mich – bald uns – Münster wieder. Und es gibt immer noch Dinge, die mir keine Ruhe lassen. Werde ich jemals die Beringsee vom Kanu aus sehen? Diesen Gedanken im Kopf bleibe ich plötzlich stehen – ich bin gerade zu Fuß in Osnabrück unterwegs – so als ob mich dieser Gedanke zum Stehenbleiben zwingt. Als ob ich irgendwovor noch einmal tief Luft holen müsste. Als ich mir dessen bewusst werde, blicke ich mich um. Aus den Augenwinkeln… wieder dieses Plakat. Diesmal nicht, nein – diesmal sehe ich es mir genau an. Es ist gar keine „richtige“ Werbung.


„Kennst Du das, wenn Aufgeben keine Alternative ist?“


Ein Gefühlsausbruch überkommt mich. Tränen schießen mir in die Augen, mein Hals verengt sich. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Nicht nur für mich.

 

Soundtrack

Hallo Ihr Lieben.

Ein paar Einträge wird es noch geben. Und etwas abseits von mehr oder weniger  abenteuerlichen Geschichten möchte ich Euch noch ein wenig Akustik darbieten: Den Soundtrack! Mit jedem der folgenden Lieder verbinde ich ein Erlebnis, eine Situation und ein Gefühl während, vor oder nach der Reise…

Yukon
1. Ich wollte nie erwachsen sein (Nessajas Lied – Tabaluga) – Peter Maffay
Das das Lied zu allem passt, habe ich erst nachher rausgefunden 🙂

2. The Fight for freedom – Manowar
ohne Worte 🙂

3. Dirty Old Town – The Pogues
Eines meiner Lieblingslieder. Birgit hatte mir eine Mundharmonika für die Reise geschenkt, und das habe ich geübt (relativ erfolglos).

4. The River – Garth Brooks
Der Beste Paddel-Song, den es wohl gibt. Danke für den Tipp, Dirk!

5. Dirty Paws – Of Monsters and Men
Lief in Eds Wagen in Fort Yukon, als wir nach dem WM-Finale zu unseren Booten gebracht wurden. (Ed ist einer der Söhne von Ginny.)

6. Heart of steel – Manowar
ohne Worte

Beaver Creek / Fairbanks
7. That old wheel – Johnny Cash
Na was wohl: Wieder aufstehen und weiter gehts!

8. Don’t stop believing – Journey
Lief in Frankys Smartphone / MP3-Player. In Fort Yukon. Und in Fairbanks. Und…

Roadtrip
9. A Boy named Sue – Johnny Cash
dumdideldum… stellt Euch vor, jetzt im Pick-Up zu sitzen…

10. Lonesome Rider – Volbeat
Passend auf einem Roadtrip, gelle?

11. I walk the line – Johnny Cash

Denali
12. Forever wild – Susan Grace (ft. Ranger Andy Keller 😉 )
Denali – die Wildnis hat Geburtstag

13. Sweet Alaska – Susan Grace

Abschied aus Alaska
14. Alaska – Shadow Gallery
Einer meiner absoluten Lieblingssongs aus jüngeren Tagen fiel mir zum Abschied aus Alaska wieder vor die Füße.

Kauai und LA, Victoria
15. You might think I’m crazy – The Cars
War das erste Lied, das lief, als ich im Mietwagen auf Kauai das Radio einschaltete 🙂

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16. Home – Edward Sharpe and the magnetic zeros
ohne Worte

Rock sausages vor Victoria

Lihue. Ich stehe vorm Flughafen. Gleich gehts zurück. Wieso hab ich eigentlich unbedingt schon den Rückflug mitbuchen müssen? Nicht mehr lange, und ich bin zurück. In Deutschland. Ich hatte bei meiner Abreise ein Schlachtfeld hinterlassen – Wohnung aufgelöst, die Klamotten eingebunkert, Auto stehengelassen… wo soll ich denn eigentlich hin? Und was soll ich in Deutschland? Mir wird schwindelig. Und wenn ich einfach hierbleibe? Ich habe doch noch etwas Zeit? Ich setze mich auf eine Mauer, rempele vorher fast ein paar Leute an. Die Sonne brennt, ich gucke fahrig durch die Gegend. Ich rufe Birgit an. Sie meint, ich hätte Angst. Angst?? So ein Quatsch!

Doch.
Angst.
Nein.
Doch ich.
Habe Angst.
Vorm Zurückkommen.
Vorm Ankommen?
Vorm Wegbleiben.
Vorm Träumen?
Vorm Weitermachen.
Vorm Weiterträumen?
Doch. Ich
habe Angst.

Ich steige in den Flieger.
Zurück bleibt
die Freiheit
im Herzen.
Freiherz.

Wieder LA
Diesmal muss ich selbst zu Grace Shee finden, denn sie hatte einen Unfall mit Ihrem Wagen und fährt verständlicherweise nicht gleich wieder los. Wir gehen was Essen und erzählen Geschichten. Später buche ich meinen Rückflug um, der 26. September soll es nun werden, von Vancouver aus. Als ich auf das Datum sehe fällt mir auf, dass ich ja am 11. September auch im Flugzeug innerhalb der USA gesessen habe. 9-11. 911 ist übrigens in den USA die allgemeine Notrufnummer… Bryan holt mich am Abend ab, es gibt bei ihm zu Haus in Beverly Hills (!) leckere Burger, seine Frau Sandy wartet schon auf uns. Aber wir kommen zu spät, weil Bryan mich noch ein wenig durch Beverly Hills fährt. Ich kann mir schlimmeres vorstellen. Wir erzählen uns Geschichten von der Reise – ich bin unglaublich beeindruckt, in welcher Geschwindigkeit er es geschafft hat. Er erzählt aber auch von 3 Meter hohen Wellen bei Pilot Station – in dem Zeitraum, in dem ich kurz nach Fort Yukon feststeckte. Er erzählt auch von einen Mann in einem gelben Doppelkayak, der bei St. Marys aus einem Sturm gefischt wurde – oh-oh, hoffentlich war das nicht der Thomas… Ich stelle fest, dass es unglaublich schön ist, die Leute nach der Tour zu besuchen – aber morgen gehts schon nach Vancouver.

Rock sausages vor Victoria
Von Vancouver aus muss man noch eine kleine logistische Meisterleistung vollbringen, um nach Victoria auf Vancouver Island zu kommen. Angekommen, erwarte ich meine Cousine Karin in einem bekannten Schnellrestaurant. Karin wohnt in einer 3er-WG und ich darf in der Wohnküche auf dem Riesensofa nächtigen. Nach einem abendlichen Abstecher in die Uni-Kneipe (nur wenig übertrieben: es gibt es einen Durchgang aus der Bibliothek hinein) erkunde ich am folgenden Morgen den Hafen und beschließe spontan, noch einmal in ein Boot zu steigen. Leider sind alle Kanuverleiher ausgebucht oder krank. Ganz am Ende an der Fisherman’s Wharf findet sich jedoch doch noch ein Verleiher, allerdings bietet er nur Touren mit Guide an… na sowas brauche ich doch nicht mehr. Andererseits ist es jetzt auch egal. Ich will aufs Wasser. Ich bin der einzige Gast. Luke, „mein“ Guide (nicht mein Sohn…) freut sich auch. Wir fachsimpeln übers Paddeln und beobachten die Seehunde (Harbour Seals), die sich auf den Felsen vorm Hafen sonnen. „We call them rock sausages!“ meint Luke und macht ein Foto, auf dem ich reichlich dämlich grinse (ganz oben). Sehr passend. Am letzten Tag machen wir mit der WG noch einen kleinen Ausflug zum Thetis Lake, kochen abends ein wenig, dann wars das.

Das wars.
Das wars.
Ich steige in den Flieger.
Zurück bleibt
die Freiheit
im Herzen.
Freiherz.

Bilderstrecke zu „Hühnerhaufen und Strandphilosophen – Kauai“