Nobody ist die Größte

Jake
Um diesen Jake zu finden, paddelte ich zu der Stelle weiter, die die Verkäuferin mir empfohlen hatte. Es war eine ziemlich große, flache Anlegestelle; eine Straße hatte einen Abzweig hier herunter. „Da oben links muss es sein, dort bei dem halb verfallenen Bulli“, dachte ich bei mir. Jake soll sehr rustikal und bescheiden leben, hatte man mir mit auf den Weg gegeben. Ich schlurfte den Abzweig entlang. Rechts ein Bulli, daneben eine Art Dauer-Stand-Zelt mit Werkstatt drin, links eine „Hütte“ aus Zeltplane, daneben ein Holzhaufen. Hmm… Aber weit und breit niemand zu sehen. Ich lief ein paar mal auf und ab, das Paddel über der Schulter. Auf einmal kam eine Gestalt aus dem Bulli, guckte mich an und hob die Arme, als ob ich ein lang ersehnter Gast sei. „Hey, who are you? I am Jake, the Russian. Where is your canoe? Come in [in den Bulli], I will make coffee.“ … und schon saß ich drin, in Jakes Wohnung. Ein wenig sehr rustikal, aber gemütlich. Nachdem geklärt war, wo ich herkomme und was ich hier mache ist schnell klar, dass ich hier auch bleiben und das Zelt aufschlagen kann. Fürs erste verabschiedete ich mich von Jake und baute das Zelt neben der Zeltplanen-Hütte auf. Ich musste nachdenken, denn mir saß etwas schon die ganze Zeit sehr schwer im Magen: Mach ich weiter oder stoppe ich hier – „schon wieder“?

Aufgeben ist keine Alternative – was genau heißt das eigentlich?
Einerseits merkte ich schon seit einiger Zeit sehr deutlich, dass irgendwas nicht stimmte; so richtig Spass machte es irgendwie nicht. Warum, konnte ich mir nur nicht wirklich erklären. Eigentlich liege ich gut in der Zeit. Bis auf die Sache mit der Isomatte ist auch alles hervorragend gelaufen. vielleicht hätte ich einen, höchstens jedoch zwei Tage schneller sein können. Sicher, der Fluss wurde – wenig überraschend – immer größer. Das Naturerlebnis ließ sehr stark nach, im Gegenzug dafür wird alles windanfälliger. Und dabei war die letzten Tage gutes Wetter! Wenn ich jetzt „wieder“ vorzeitig aufhöre… Boah. Habe ich einen Lärm gemacht vorher, schießt es mir in den Kopf. „Aufgeben ist keine Alternative“-Spendenaktion. Acht Wochen freigenommen, den kompletten Jahresurlaub aufgehoben.
„Ist das der Moment, in dem Deine Entschlossenheit auf die Probe gestellt wird?“ fragte ich mich. Und je mehr ich so darüber nachdachte, desto nerviger fand ich das alles. Alles viel zu pathetisch. Wem muss ich denn hier etwas beweisen, was soll das denn? Ich bin hier, damit es Spass macht und Punkt. Soll mir erst mal einer bis hierhin nach- und dann der Rest vormachen. Ich möchte es doch in der Art und Weise vollenden, die mir Spass macht, die zu mir passt. Aufgeben ist keine Alternative – aber was heißt das eigentlich genau? Wann hätte ich denn tatsächlich „aufgegeben“? schoss es mir weiter durch den Kopf und ein paar Momente später wurde mir erlösend klar: „Komme ich halt NOCHMAL nochmal wieder, wieder ein bisschen besser vorbereitet. Soll der Rest der Welt doch denken was er will. Spendenaktion? Ist doch Geld zusammengekommen für eine gute Sache – das ist in keinem Fall verkehrt. Und so traf ich die Entscheidung: Hier ist erstmal Ende und verkrümelte mich dann in die Bar für ein paar verdiente Bier. Ja, eine Bar, die gab es hier tatsächlich!

Nobody
Während des Rumlungerns am Tresen – es gab hier sündhaft teures Dosenbier – fiel mir auf, dass ich mein Boot noch gar nicht getauft hatte. Ich schlug mir innerlich vor die Stirn. Das musste ich schleunigst nachholen. Ist vielleicht auch Motivation, das Boot diesmal zu behalten und nicht zu verscherbeln oder gar liegen zu lassen. „Freiherz II“ war mir zu blöd und was mir sonst so einfiel fand ich auch alles irgendwie zu aufgeblasen. Ich dachte noch ein bisschen nach, mein Blick fiel auf die ganzen Hüte am Eingang der Bar… Ja. Nobody. Das ist es. Ja, das fühlte sich gut an. Wie Karneval, nur ohne blaue Kontaktlinsen 😉
Das Fenster zur Welt
Ein paar Bier und Telefonate später torkelte ich aus dem Schuppen wieder raus, klebte die Buchstaben, die ich schon die ganze Zeit mit mir herum geschleppt hatte ans Boot und legte mich schlafen bis zum nächsten Tag. Als ich wieder aufwachte, wehte starker Wind. Ha – hatte mich meine Ahnung mit dem Wetter nicht im Stich gelassen. Ich unterhielt mich mit Jake, der mir erst einmal Kaffee kochte. Jake nennt sich selbst „The Mad Russian“, weil seine Eltern irgendwann geflohen sind. Er selbst hat immer noch den Status eines Flüchtlings und könnte Amerikaner werden, will das aber nicht – und so hat er bis heute keinen Pass und kann das Land nicht verlassen. Das will er aber gar nicht und ist so glücklich und zufrieden. Während der Unterhaltung sickert irgendwas aus meinem Gedächtnis herab in mein Bewusstsein. Jake. Mad Russian. Hmm. „Jake, do you know some german guy with a canoe made of birch-bark? I think his name is Dirk Rohrbach.“ – „Oh Dirk. Yes of course, I do. But it is at least one year ago he has been here. You put up your tent exactly where he did.“ Oh was ist die Welt doch klein. Dirk Rohrbach ist Autor und – mittlerweile – Filmemacher. Er ist schon den Yukon hinuntergepaddelt in einem Kanu aus Birkenrinde, zuletzt hatte er Jake interviewt für eine 5-teilige Doku über den Yukon – Jake war schon im Fernsehen zu sehen. Unfassbar. 🙂 Der Rohrbach also wieder – wie damals bei Sucker-Bay-Jimmy (siehe Blog-Eintrag Trottelbuchten, Hobbithöhlen und wer ist hier eigentlich der Boss?)

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