Im Kanu auf dem Yukon

Von den Quellseen bis zur Beringsee

Shootout and a hell’s night

In Grayling fand ich einen Unterstand oben am Steilhang. Super, da habe ich ja schon mein Über-Zelt und brauche mir keine Sorgen machen, dass ich morgens ein nasses Zelt einpacken muss. Aufebauen und pennen – dachte ich. Unten am Flussufer waren noch Leute unterwegs, die offenbar weder nüchtern noch einer Meinung zu sein schienen – soweit ich das aus dem Zelt hören konnte. Was allerdings sehr deutlich zu hören war, war ein fortwährendes, aufforderndes „Do it, do it. You can do it. Do it!“. Wer da auch immer mit wem unterwegs war, war offensichtlich auf Krawall aus. Während ich so dalag im Zelt und anhand der Stimmen vernehmen konnte, dass sie sich meinem Zelte jedenfalls nicht näherten, dachte ich darüber nach, wo ich Bärenspray, Axt und Paddel als potentielle Verteidigung drapiert hatte und beschloss, mich auf gar keinen Fall freiwillig außerhalb des Zelts zu begeben – dann konnte mich auch keiner der Trunkenbolde aus Langeweile in irgendwas hineinziehen. Während sich die Stimmern mit einem „Do it, do it!“ dann sogar entfernten, gab es plötzlich ein paar dumpfe, klatschende Töne, die nach Fausthieben klangen. Die Stimmen verstummten. Danach gab es noch Stimmen, die aber keinesfalls mehr so deutlich klangen und dann ganz verstummten. Kurz danach gab es von weiter entfernt eine Salve Schüsse. Bäm. Bämbämbämbäm. Eine (vorher) volle Revolvertrommel würde dazu passen. Dann war nichts mehr zu hören. Auf gar keinen Fall werde ich das Zelt verlassen sondern bleibe hier flach am Boden liegen. Merkwürdigerweise schlief ich irgendwann ein.

Was für eine Nacht – und wo bin ich hier nur gelandet? Meine Blase trieb mich morgens aus dem Zelt – bis auf das Wetter wirkte alles ruhig und friedlich. Auch unten am Fluss keine verletzten Menschen, wie ich schon befürchtet hatte. Hm. Ich machte es mir unter dem Unterstand bequem und briet Reis an, um Rührei darunter zu mengen. Herrlich. Mir kam in den Sinn, dass ja Sonntag war – sechs Tage unterwegs! Also war gestern Samstag, dessen Abend sicherlich einige zum Feiern ausgenutzt haben.

Das Wetter war kalt, windig und nieselig. Ich hoffte, dass es – wie üblich – abends besser wurde. Das Zelt hatte ich schon abgebaut. Einerseits, um bei einem guten moment keine Zeit zu verlieren. Andererseits, um mein Zelt nicht in der Gefahrenzone der Feuermachversuche von ein paar Einwohnern zu überlassen. Denn unter dem Unterstand war eine Feuerstelle, die der Allgemeinheit galt. Also tigerte ich ein wenig durch Grayling und versuchte über die Karte, noch ein wenig über den kommenden Flussabschnitt zu erfahren. Die Jugend wusste aber nichts, und ältere traf ich nicht an. Irgendwann wurde mir kalt und langweilig. Ich fand Unterschlupf in der Tribal Hall. Die Tür war offen, es war geheizt und Sofas zum Hinlümmeln standen herum. Puh. Meine Erleichterung währte nur kurz. Ich bekam Besuch von zwei jungen Männern, die erst furchtbar nett waren und hoch interessiert an mir und meinem Vorhaben. Schnell war jedoch feststellbar, dass die beiden (offenbar noch immer) betrunken waren. Die Flasche Wodka ging dann unverblümt zwischen den beiden hin und her (Last Chance war offenbar nicht weit genug weg?). In einem hellen Moment wurde sie mir auch angeboten, was ich jedoch dankend und so höflich es ging ablehnte. „Drink with us“. Gute Güte. Ich gab vor, zu nippen und reichte die Flasche weiter. Einer der beiden hatte ein blaues Auge. „What happened to you?“ fragte ich. „He disagreed with someone stronger“, bekam ich vom anderen lachend zu hören. Ich reimte mir eins und eins mit letzter Nacht zusammen. Draußen war das Wetter immer noch murks. Wo konnte ich denn nur hin, um alles in Ruhe auszusitzen? So lospaddeln war auch keine Option und hier bekam ich alles zwei Minuten die gleichen Fragen gestellt. Boa. Plötzlich gab es draußen Motorengeräusche. Eine Quad (oder four-wheeler) fuhr vor, jemand kam herein und zeigte auf mich. „You. Canoe guy. Come with me.“ Perfekt, dachte ich. Besser kann ich wohl „leider“ nicht weg. Ich entschuldigte mich und ging mit dem Neuankömmling nach draußen. Er deutete mir an, auf die Quad hinten aufzusteigen und los gings. Mich überkam das ungute Gefühl, dass dies vielleicht auch nicht die allerbeste Idee gewesen sein könnte, aber da kamen wir auch schon an einem Haus an. Drinnen erwarteten mich zwei Männer, die auf einem Sofa und auf einem Sessel rumlungerten und offenbar auch Langeweile hatten. Eine Wodka-Flasche stand in der Mitte. Innerlich verdrehte ich die Augen. Himmel. Der Herr des Hauses hatte fast vollständig zugeschwollene Augen. „I was shot.“ war die Antwort auf meine direkte Frage. Von wem und wodurch war nicht richtig aus ihm rauszubekommen. Nachdem ich auch hier irgendwann immer wieder die gleichen Fragen beantworten musste (what about the [dunkle dt. Vergangenheit]? And Volkswagen, good trucks?), schaute ich nach draußen. Immer noch so ein Mistwetter. Plötzlich zwei neue Besucher. Die beiden aus der Tribal Hall gesellten sich dazu. Mir wurde es zuviel und ich log, dass sich das Wetter verbessert habe und ich unbedingt jetzt los müsse. Ich verabschiedete mich und lief unter stetigen Aufforderungen, doch noch mitzutrinken, nach draußen. Der Quadfahrer fühlte sich offenbar befleißigt, mich sicher zum Fluss zu geleiten (diesmal ohne Quad). Er hatte beim Wiederanziehen seiner Schuhe links und rechts vertauscht, ging dafür aber recht schnell zu Fuß. Ich wollte hier nur noch weg, so leid es mir tat. Ich erinnerte mich an einen der Ratgeber für den hohen Norden. „Don’t stay in towns during the weekend unless you have friends or stay in a B’n’B.“ Oder „If you don’t fit in, find somewhere else.“ Es war so traurig und ich hoffte inständig, dass ich nur Pech hatte und allen, besonders dem Rest der Einwohner durch meine überstürzte Abreise unrecht tat. Schnell verschwand ich unten am Fluss im Kanu, während der Mann von der Quad noch wankend oben am Steilufer stand. Das Wetter hatte sich tatsächlich etwas verbessert und ich winkte ein letztes Mal.

Das Wetter nahm schnell den unruhigen, nieseligen und windigen Zustand wieder an. Die Strecke bis zum nächsten Dorf, Anvik, war nur 19 Meilen weit. Es kann nur besser werden, dachte ich. Dachte ich… Der Wind frischte auf, obwohl es schon nachts war. Es war wegen des schlechten Wetters dunkler als sonst und das Ufer zur rechten Hand bestand fast ausschließlich aus Abbruchkanten, wie ich sie schon am Südufer von Koyukuk Island hatte, mit unruhigem Wasser, dass durch den Gegenwind noch unruhiger wurde. Kein Platz zum Anlegen und es regnete munter weiter. Ich erinnerte mich gruselnd an eine Geschichte von Igor aus 2014, der sich in den Flats bei Sturm unter einer überhängenden, wankenden Abbruchkante festgefahren hatte. Brrr… Es half alles nichts. Weiterpaddeln. Weiterpaddeln. Weiterpaddeln. Erst kurz vor Anvik wurde es besser, so dass ich die freie Fläche (vor der ich schon Respekt aufgebaut hatte) an der Mündung des Anvik Rivers gefahrlos queren und das Stückchen des Anvik Rivers so hinaufpaddeln konnte, damit ich Anvik nicht verpasste. Völlig durchnässt, durchgefroren und ausgepowert erreichte ich Anvik und fand bei der  zweiten Ausstiegsmöglichkeit eine gute Anlegestelle, neben der über einem Steilufer ein schöner Platz zum Zelten vorzufinden war. Ein kleiner schicker Unterstand war auch da, den ich (nachts um halb drei) flugs in Beschlag nahm um meine Sachen zu trocknen. Es wirkte hier vieles friedlicher. Nur die Mücken waren furchtbarer als sonst; mit schweren Verlusten entkam ich ins Zelt. Was für ein Vergleich mit Grayling. Zutiefst beruhigt schlief ich ein.

Paddelbilanz: 19 Meilen (31,1 km)

Belohnung nach einem Höllenritt in der Nacht: Mein Zeltplatz in Anvik

Bilderstrecke zu Blown away

Blown away

Ein leichter Kopfschmerz weckte mich auf. Man, was für ne bekloppte Aktion mit dem aufgeladenen Kanu. Aber ist ja alles gut gegangen. In Kaltag sollte es einen guten kleinen Laden geben, zudem eine Washeteria – vielleicht gibt es sogar eine warme Dusche? Auf dem Weg zum Laden wurde ich aber von einem älteren Herren abgefangen und zum Morgenkaffe eingeladen. Es ist immer schön zum Kaffe eingeladen zu werden. Aber anstrengend wird es, wenn man nach drei mal „wie bitte“ in den Nicken-und-Lächeln-Modus verfallen muss, weil man nix versteht 🙂 Aber auch traurig – es waren bestimmt für den älteren Herren wichtige Dinge aus seinem Leben, die ich da nicht richtig verstanden habe. Nach dieser ersten Herausforderung des Tages gings dann wirklich zum Lädchen. Noch einen Kaffee, ein sündhaft teueres Snickers – welch Dekadenz – und schon die Frage „Are you the guy with the canoe?“ – „Yes…“ (in so einem kleinen Dorf verbreiten sich News ja sehr schnell…). – „I chased off some dogs from your canoe this morning. Are you sure everything is ok?“… Jetzt war ich tatsächlich sprachlos und verließ nach dem Gespräch grübelnd den Laden. Was konnte denn da los sein? Die Washeteria hatte jedenfalls geschlossen. Also keine warme Dusche. Beim Packen und Beladen des Kanus fiel mir dann in die Hände, wonach die Hunde gesucht hatten. Der Beutel getrockneter Streifen Elchfleisch, den mir Garrett am Tag vorher gegeben hatte, lag noch im Kanu. Ein Glück: nicht eingeweicht und ausgelaufen. Das wäre der Super-Gau. Ein Kanu, dass nach Elchfleisch riecht (den Geruch hätte ich vermutlich auf dieser Tour auch nicht mir mehrmaligem Auswischen weg bekommen). Da hätte ich bestimmt viel Bärenbesuch bekommen. Einmal mehr schmunzelte ich, schüttelte innerlich den Kopf über mich und machte drei Kreuze.

Es war etwas windig, aber im großen und ganzen war das Wetter ok. Also brach ich auf. Ich „wartete“ allerdings schon darauf, wann mich Freund Wind wohl am Ufer Pause machen schickt. Und tatsächlich, er verleidete mir das Paddeln ungeführ nach 5 Meilen – ich machte halt am zweiten Fishwheel des Tages. Die Fishwheels funktionieren übrigens so: An einer Achse sind drei bis vier Fangkörbe angebracht und werden durch die Strömung in Rotation versetzt (Öffnung in Strömungsrichtung). Das funktioniert, da außen am Boden des Korbes eine Plane angebracht ist, die im Wasser (von unten) gegen den Korbboden gedrückt wird, beim Herausheben aus dem Wasser aber den Kontakt zum Boden verliert und so die Umdrehungen des Rades überhaupt erst ermöglicht (die Plane ist nur an der Seite des Korbes angebracht, die am nächsten zur Achse ist). Die Lachse schwimmen flussaufwärts und damit in die Fangkörbe. Bevor sie da raus gefunden haben, wird der Korb aber schon aus dem Wasser gehoben. In der Mitte ist dann eine Rutsche, in die die Lachse beim weiteren „Hochfahren“ aus dem Wasser hereinfallen. Und am Ende der Rutsche in einer Kiste (auf einem Haufen weiterer Lachse) landen. Die Fishwheels werden immer in bzw. kurz vor Beginn von Kehrwassern eingesetzt, denn Lachse lieben das Kehrwasser – die Strömung verläuft dort anders und sie können so Energie sparen.

Ein typisches Fishwheel in der Gegend um/nach Kaltag. Man sieht gut die schmale Stegverbindung zum Festland, die Plane zum Ausnutzen der Strömung und die Montagekonstruktion

Auf das Fishwheel passten Bradley uns ein Vater mit seinem Sohn auf (deren Namen habe ich leider vergessen). Es gab schon wieder Kaffee und während der Wind vorüber pfiff, machte ich unter dem Schutzdach ein kleines Nickerchen. War ja schon Schwerstarbeit heute. Irgenwann wird sowas natürlich langweilig. just als mir das bewusst wurde, kam ein Motorboot vom Fishwheel flussaufwärts. Jemand bat um Hilfe, denn das Fishwheel hatte sich teilweise aus der Verankerung gelöst. Ich nutze die Gelegenheit und bot meine Hilfe an. Schon saß ich mit im Boot flussaufwärts. Als Dankeschön gabs zum Abschied, als der Wind ein wenig abgeflaut hatte, zwei Whitefish mit auf den Weg. Die konnte ich recht bald zubereiten, denn nach ungefähr nur einer weiteren Meile nach der nächsten Biegung pustete es wieder so stark flussaufwärts, dass ich gefühlt stehen blieb. Ich arbeitet mich noch zur nächsten Hütte in Sichtweite vor und verkroch mich darin samt Whitefisch, den ich mir dort schmurgelte. Während ich also so in der Hütte (die keineswegs allzu massiv war) hockte, merkte ich, dass das hier eine extrem blöde stelle zum Ausharren war. Die Hütte war nicht mückendicht – schon gar nicht bärensicher – und roch jetzt nach Bratfisch. Und auch drumherum kein ordentlicher Platz für das Zelt. Also machte ich bei nächster Gelegenheit los – nur um nach zwei Meilen entnervt beim nächsten Fishwheel halt zu machen. Hier passte Dakota, ein 21jähriger Musiker auf das Rad auf. Er lud mich ein, bei ihm den Wind auszuwarten – die Einladung nahm ich natürlich gerne an. Dakota hatte Verwandschaft in Kaltag, wollte aber eigentlich mit seiner Musik sein Geld verdienen. Dies hier war ein Sommerjob für ihn. Vor mir sei eine Gruppe von Litauern im Kanu unterwegs, ca. 4-5 Tage voraus, erzählte er mir. Auch, wie er vor kurzem erst einen Bären verscheuchen musste, der die im Überfluss gefüllte Kiste mit den Lachsen gerochen hatte. Die Fishwheels brauchen natürlich einiges an Tiefgang und sind daher ein Stückchen weit weg vom Ufer. Mit dem „Festland“ sind sie nur über einen furchtbar schmalen Stag verbunden (siehe zB Foto oben). Diesen Steg konnte Dakota dann auch „halten“ gegen den Bären, indem er mit Stock und Stimmbändern richtig Randale machte. Ein Gewehr wie der Mann am allerersten Fishwheel vor Kaltag bei Benedum Landing hatte Dakota nämlich nicht dabei. Erstaunlich, wie unterschiedlich Menschen damit umgehen. Dakota musste allerdings am Ende doch einen Lachs rüberwerfen, so hartnäckig war der Bär. Der Bär sei trotz seines „Erfolgs“ trotzdem noch nicht wieder da gewesen. Was ein Glück. Ich leistete Dakota noch Gesellschaft, bis der Wind nachließ. Da war es schon 23.00 Uhr! Er gab mir noch einen King Salmon mit, den ich im Müllbeutel verpackt auslaufsicher am Bootsboden (Kühlschrank, solange man paddelt!) verstaute. Erstaunlich, wie der Wind immer nachts nachlässt, sobald die Sonne verschwunden ist. Ich konnte (musste?) noch vier stunden durch eine wunderbare Nacht paddeln. Das kannte ich ja schon aus den Flats, aber ich war mir nicht sicher, ob ich die ganz Nacht hindurch etwas sehen würde. Es klappte aber wunderbar, auch wenn es gegen halb zwei schon anstrengend wurde, Dinge richtig zu erkennen. Aber glücklicherweise erkanne ich die Dinge noch – ein Schwarzbär trottete am Ufer entlang, und einen Wolf bekam ich auch zu sehen: Als ich auf die Kehle einer Linkskurve zupaddelte, bemerkte ich eine merkwürdige Kontur am Ufer, vor einer Mini-Lichtung. Ich paddelte nun ganz vorsichtig und langsam darauf zu und versuchte im Dämmerlicht auszumachen, was es sein könnte. Sogar so vorsichtig, dass ich mich nicht traute, die Kamera auszupacken… schließlich erhob sich die Kontur und entpuppte sich als großer Wolf. Er schaute mich kurz an und verschwand im Dunkel hinter der Mini-Lichtung. Weg, das war’s schon. Was für wunderschöne Tiere. Noch ganz beseelt von den Eindrücken erreichte ich um 3 Uhr morgens Morgan Island. Ich baute schnell alles auf, legte den King Salmon im Mülltbeutel ins Yukon-Wasser zur Kühlung und beschwerte alles mit einem Stein. Dann, endlich, war pennen angesagt.

Blick flussaufwärts von Morgan Island

 

Ich musste lange schlafen. Aber in wunderschönem Sonnenschein (und kräftigem Wind) machte ich mich flugs daran, den King Salmon zuzubereiten (Frühstück…). Filetiert, mit Salz, Pfeffer und getrocknetem Knoblauch in Alufolie eingewickelt und auf das Grillrost gestellt. Fehlte nur noch das Feuer. Endlich mit der Axt dem Treibholz zu Leibe rücken. Zwischendurch war auch Zeit für ein Bad in den braunen Fluten und einige Nickerchen. Herrlich. Das war Leben am Fluss. Mir fiel auf, dass ich seit meiner Ankunft in Galena vor drei Tagen das erste mal tatsächlich in der Wildnis gezeltet hatte und nicht „in der Zivilisation“. Schräg irgendwie. Passend zu diesen Gedanken fuhr in der Ferne am Ostufer der Insel eine Barge vorbei. Das Frachtschiff war schwer beladen mit Baggern und ähnlichem Gerät. Leben an diesem Flussabschnitt war doch wahrnehmbar. Ausgestattet mit der eigentlich nicht unbekannten Erfahrung, dass man nachts wegen des nicht vorhandenen Windes besser paddeln kann, machte ich um halb acht abends los. Das Wetter war herrlich, nur einmal zog ein kurzes Gewitter auf, dass mich für eine halbe Stunde ans Ufer und in die Regenklamotten zwang. Ich passierte Eagle Slide, eine Steilklippenformation, um wenig später das metallene Riesenfishwheel zu finden, von dem Dakota mir schon berichtet hatte. Dort machte ich zunächst Pause, ließ mich aber von der Besatzung einladen, in deren Camp ein wenig flussabwärts zu übernachten und die Annehmlichkeiten eines größeren Camps zu genießen (Bärenschutz, ständig vorrätiger heißer Kaffee, Trockenklo). So konnte ich am nächsten Tag auch wieder früher lospaddeln, was sich jedoch als riesengroßer Unsinn herausstellte. Nachdem ich zweimal vom Wind ans Ufer gezwungen wurde, dort aber außer Bärenspuren und -kot nichts erbauliches vorfand, entschloss ichh mich soweit voran zu „kriechen“, wie ich konnte. Im Tunnel auf der Westseite von Eagle Island war es dann soweit: Mitten auf dem Wasser brachen sich die Wellen, Whitecaps allenthalben und ich kam keinen Meter mehr weiter. So aufgeschmissen, machte ich erstmal Feuer – vielleicht konnte ich so Bären wenigstens davon abhalten, überhaupt am Ufer entlang zu trotten (und auf diese Weise zufällig auf mich zu stoßen). Nachdem ich auch hier festgelstellt hatte, dass es ein äußerst ungeeigneter Platz zum Übernachten war (Steinufer, keine Lichtung im Hinterland zum Zelten und die Bärenspuren an den Ufern ein paar Kilometer flussaufärts), setzte ich alles auf die Karte „Warten“. Mit Erfolg, auch wenn es ca. 8-9 Stunden dauerte bevor es weiterging.

Blick auf den Yukon flussabwärts während der Wind das Geschehen beherrscht. Das Feuer brennt bei dem Wind gut und braucht viel Holz – das lässt der Langeweile keine Chance – die Axt ruft!

Aber auch danach war das Wasser noch unfassbar aufgewühlt, es fing an zu nieseln, dann regnete es richtig und wurde kalt. Ich fragte mich, ob ich nicht sogar zu sehr auskühlte, als ich auf der Karte das Mini-Dorf Blackburn ausmachte – war hier wirklich alles so zerstört und verbrannt, wie man mir in Kaltag und den Camps erzählte? Nachdem ich im zweiten Anlauf tatsächlich die richtige Anlegestelle vorgefunden hatte, kämpfte ich mich durch das mittlerweile hohe Gestrüpp, machte Lärm um Bären vor mir zu „warnen“. Nur um abgebrannte Hüttenreste vorzufinden. Und Myriarden Mücken. Flussaufwärts erzählte man sich , ein Verrückter hätte die Hütten angezündet und treibe sich immer noch am Fluss herum, angeblich hause er im Winter bei Ruby in einer Höhle. Hier war jedenfalls nur ein großer Wellblechschuppen noch ansatzweise intakt. Dort mochte ich mich aber nicht niederlassen und so sammelte ich die letzten Kräfte und padddelte noch die ca. 2 1/2 Meilen weiter bis Alice Island, wo ich dann um fünf Uhr morgens absolut erschöpft die Augen im Zelt schloss.

Blick von Alice Island nach Westen (flussabwärts=links). Die vorgelagerte Sandbank täuscht – man kann nicht ans gegenüberliegende Ufer laufen!

Am nächsten Morgen gab es schönes Wetter. Ich traute zwar dem Braten nicht, und mir steckte vor allem die Erschöpfung des vergangenen Tages in den Knochen (vor allem im Kopf), aber interessiert das hier jemanden? Es ergab sich eine wunderschöne Paddeltour durch die Nacht, über spiegelglatte Wasser – und durch aufkommende Kälte. Während ich so im Boot frohlockte und die Stille und das Naturschauspiel genoß, bewegte sich am rechten Ufer etwas. Ein Grizzly trottete flussaufwärts! Wahnsinn, wie schnell man da alles andere vergisst. Ich traute mich diesmal die Kamera auszupacken, machte ein paar Fotos und sah dann zu, dass ich mehr Abstand zwischen mich und den Bären – also das Ufer – bekam. Schlussendlich machte ich den Bären mit ein paar Klopfern des Paddels aufs Boot und ein paar Rufen auf mich aufmerksam. Und tatsächlich, er sondierte mich, setzte sich auf, versuchte Witterung aufzunehmen – und verlor nach einer Weile das Interesse an dem komischen roten Ding mit gelben Flügeln (die Paddelflächen) und dem blaugrünen Männeken darin. Puh. Und so paddelte ich weiter durch die immer kälter werdende Nacht und erreichte tatsächlich um zwei Uhr bei zwei Grad Celsius Grayling! Ohne es richtig zu bemerken, hatte ich die längste Etappe ohne Zivilisation (vermeintlich – getroffen habe ich ja doch recht viele…) gestemmt – 111 Meilen (knapp 180 km).

Spiegelglatter Fluss – bis hier eine Seltenheit!

Grayling ist nicht mehr weit!

Der Grizzly kurz vor Grayling. Lieder fand ich erst nachher raus, wie man die Kamera vernünftig für Aufnahmen im Dämmerlicht einstellt… (so hell wie das Bild wirkt war es nicht mehr)

 

Yistletaw und Dosenbier

Der Wind flaute während der Nacht dann doch ab, so dass es am Morgen nur noch leicht windig war. Wobei er sogar gedreht hatte – Rückenwind! Nach ein paar Regenschauern und Schwätzchen mit Jake konnte ich loslegen. Das mulmige Gefühl verschwand nach den ersten Paddelschlägen und ich erinnerte mich selbst daran, dass ich direkt in der zweiten Kurve eine Abkürzung ausprobieren wollte: Einerseits um Strecke zu sparen, andererseits um ein Feeling für Querungen zu bekommen. Denn die Querungen, die ich das letzte Mal tunlichst vermieden habe, wollte ich diesmal möglichst früh austesten. Ihnen würde ich zwei bis vier mal auf gar keinen Fall aus dem Weg gehen können. Besser, wenn ich das dann schon kenne. Ich nahm Kurs auf den Kanal zwischen dem Inselverbund Hen- und Jimmy Island und Cook Island, anstatt direkt aufs Ganze zu gehen und den Jimmy Slough auf der linken Flussuferseite zu nehmen. (Achtung Anleitung: Ich verwende die Bezeichnungen aus der USGS-Karte „Nulato“ im Maßstab 1:250.000; zu finden, wenn man auf der Seite usgs.gov die Rubriken „Products“, „Maps“ dann „USGS Store“ und dort „All Products“ und anschließend die Suchfunktion mit den entsprechenden Parametern verwendet.) Denn ich hatte noch zu viel Respekt vor dem Wort „Slough“ auf den Karten, waren Sloughs im Allgemeinen doch in anderen Reisebeschreibungen als versandende dead-ends beschrieben worden. Aber das Gegenteil ist der Fall – warum wird ein Seitenkanal sonst wohl als xyz-Slough auf einer 1:250.000-Karte herausgestellt? Aber wie fast immer im Leben lernt man ja nur aus eigenen Fehlern… versandet bin ich nämlich fast zwischen diesen Inseln. 🙂 Aber alles ging in Summe gut – die Fast-Querung machte mir Mut für das, was da noch kommen sollte. Kurz vor „Yistletaw“ (auch „Bishop Rock“ genannt genannt, weil hier 1886 ein Bishop ermordet worden war) frischte es auf und dunkelste Wolken zogen auf. Ich hielt also schnell am dortigen Fishcamp an, ein paar Motorboote lagen am Ufer und zeugten von menschlicher Anwesenheit. Ich schaffte es gerade noch, die Regenklamotten anzuziehen, als die Bindfäden von Himmel kamen. Hölle. Der Trampelpfad führte hinauf in eine Ansammlung von Hütten. Dort nahmen mich Frank und Marca, beide über 80, in Empfang und luden mich in ihre Blockhütte ein. Drinnen schliefen die Enkel und es gab Kaffee und Pilot Bread mit Nutella-Äquivalent und Marmelade. Obwohl sie hier den Sommer über zum Fischen waren, gab es noch keinen, denn der King Salmon war erst seit heute und nur für 24 Stunden frei. Der King Salmon wird am Yukon mittlerweile nur noch zu bestimmten Zeiten zum Fang freigegeben. Angesichts der weltweiten Überfischung verständlich. Was im Ozean gefungen wurde, kann nicht mehr zur Laichzeit heraufschwimmen und hier gefangen werden. Und wenn das, was noch heraufschwimmt, dann alles hier gefangen wird, kommen demnächst auch keine Lachse mehr aus dem Fluss in den Ozean… Die Leidtragenden sind wie immer die, die am wenigsten Anteil am Raubbau haben – hier z.B. Frank und Marca. In ihren Erzählungen war bemerkenswerterweise jedoch kein Groll zu hören. Als sich das Unwetter nach ca. eineinhalb Stunden sicher verzogen hatte, machte ich mich wieder auf zum Boot. Während ich das Wasser mit einem alten halbierten milchkanister aus dem Boot schaufelte, kam mir die Ewigkeit, die ich beim Fast-Versanden zwischen den Inseln mit dem Stechpaddel gebraucht hatte, in den Sinn. Warum benutzte ich eigentlich das Doppelpaddel nicht? Flugs montierte ich das Doppelpaddel und es sollte sich auszahlen: Ich konnte mehr Geschwindigkeit machen – schnell näherte ich mich Koyukuk Island, die wie ein Pfropf in der Einmündung des Koyukuk River, des letzten großen Zuflusses des Yukons liegt. Auch hier hatte ich zuvor großen Respekt – würden mich jeweils beide Zweige des Koyukuks mit ihrer Eigenströmung weit in die Mitte des Yukons spülen? Das sollte sich als harmlos herausstellen. Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte, war die Strömung an der Yukon-seitigen Abbruchkante von Koyukuk Island. Die Strömung des Yukon war hier sehr groß, und wegen der vermutlich unter Wasser liegenden Hindernisse (eingebrochene Bäume) war das Wasser sehr unruhig. (Auf diese Konstellation sollte ich noch häufiger stoßen.) Passend dazu kam erst ein kräftiger Schauer und danach Gegenwind auf, der das Wasser nicht einfacher zu fahren machte.  Als ich dann endlich den zweiten Einfluss des Koyukuk erreichte, war ich extrem erschöpt und freute mich tierisch darüber, dass das Dörfchen Koyukuk ja von hier aus ca. 1,5 km flussaufwärts (!) des Koyukuk lag. Aber, es ging alles. Nach insgesamt neun bis zehn Stunden erreichte ich Koyukuk und hatte alle Ausrüstungsideen ausprobiert. Ein guter Tag. Zum krönenden Abschluss hatten die Dorfbwohner oben an der Anlegestelle Sofas mit allerfeinstem Ausblick aufgestellt!

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Koyukuk: Es könnte schlechter sein – unten das Kanu, oben die Sofas!

 

Last Chance – Motorboot und Dosenbier
Koyukuk selbst ist ein außerordentlich kleines Dorf – keine hundert Einwohner zählt es noch und ist sehr weitläufig. Gesprochen habe ich nur mit einem einzigen Einwohner. Gesehen noch zwei andere. Hören konnte man allerdings die Dorfjugend, die auf den Quads fließig herumrasten 🙂

Etwas geplättet stieg ich den nächsten Tag wieder ins Kanu. rechte Hand passierte ich Last Chance, den letzten „Laden“ (eine zurückgesetzte Blockhütte abseits von Koyukuk mit eigener Anlegestelle), in dem man Bier und andere alkoholhaltige Getränke kaufen konnte. (Flussabwärts von hier ist das Vertreiben/Besitzen von von Alkohol streng verboten.) Kurz vor Nulato und in Nulato selbst machte ich eine kurze Pause, wollte aber noch etwas weiter Richtung Kaltag. Das erste Fishwheel sah ich am Rand, kurz vor einem Kehrwasser. Die Dinger fangen Lachse von allein, differenzieren aber natürlich nicht nach Lachssorte. Wie das dann funktioniert, durfte ich später lernen. An der Stelle „Benedum Landing“ war ein Camp aufgebaut, ich machte Halt. Doch der Mann dort machte mir keine Hoffnungen, in der Nähe seiner Campstelle zu zelten. Gestern sei ein riesiger Grizzly in sein Camp rein, und er musste ihn mit ein paar Schüssen verscheuchen. Ich solle besser eine Insel nehmen, die er mir auf der Karte zu zeigen versuchte. Dort wären keine Bären, keine Mücken (die waren hier tatsächlich furchtbar) und er wolle mir später noch einen lachs vorbeibringen. Nun gut, dachte ich und paddelte weiter. Ungefähr 2 Meilen später, ich nahm einen geschützten Kanal zwischen dem rechten Flussufer und einer Insel, kam von hinten ganz langsam ein Motorboot heran. Der Fahrer Garrett hatte offensichtlich Redebedarf, denn er fuhr parallel zu mir, horchte mich etwas aus und warf mir eine Dose Bier und getrocknete Streifen aus Elchfleisch herüber. Das Leben am Fluß könnte schlechter sein, denn das gab es 2014 und 2016 nicht, fuhr mir durch den Kopf. Garrett zog um nach Holy Cross und wollte auf dem Weg seinen Bruder in Kaltag besuchen. Eine weitere Bierdose später banden wir mein Kanu mit der Leine an seinem Boot fest und ich fuhr mit ihm mit. Noch eine Bierdose später wurde mir klar, dass das reichlich bescheuert ist, was hier passiert. Ich war total ausgepowert, kippte mir Dosenbier rein und wollte danach noch irgendwas auf die Kette kriegen? Und das Kanu fing im Zug von Garretts Boot keineswegs geradeaus, sondern driftete immer von links nach rechts und neigte sich beim Kurswechsel jeweils bedrohlich. Da Garrett immer mutiger (d.h. schneller) wurde, fürchtete ich schon, das Kanu würde irgendwann kentern. Mir schien es am klügsten, die Sache etwas anders zu lösen und opferte den mir in Aussicht gestellten King Salmon: Da Garrett ja ohnehin nach Kaltag wollte, bat ich ihn, mich dann doch direkt nach Kaltag mitzunehmen – nur mussten wir dazu das Kanu auf sein Boot hiefen, damit das gefährliche Schleppen aufhörte. Gesagt – getan! Mit einem 5 Meter langen Kanu quer zur Fahrtrichtung brausten wir nun bei einer weiteren Bierdose über den Yukon! Völlig kaputt erreichten wir gegen 11 Uhr nachts Kaltag, wo wir tatsächlich noch Garretts Bruder besuchten (es gab etwas zu essen). Um 1 Uhr nachts lag ich dann endlich im Zelt und ein klitzekleines schlechtes Gewissen machte sich breit: Am zweiten Tag „geschummelt“? Durch das Mitfahren im Motorboot hatte ich mir ca. 15-20 Meilen gespart – ein halber bis ganzer Paddeltag. Aber ich verscheuchte das Gewissen schnell wieder. Der zusätzliche Puffer würde mir an anderer Stelle sicher helfen.

(Paddel-)Strecke: Galena – Koyukuk: 32 Meilen (52 km), Koyukuk – Kaltag 52 Meilen (84 km).

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Kaltag: Zeltplatz

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Kaltag: Blick den Yukon hinauf

Bilderstrecke zu „… and I try again and again…“

 

… and I try again and again…

Nicht Kunst und Wissenschaft allein, Geduld will bei dem Werke sein. Ein stiller Geist ist jahrelang geschäftig, die Zeit erst macht die lange Gärung kräftig.  (Mephistopheles in Goethes Faust, der Tragödie erster Teil)

Zumindest habe ich bei den ersten beiden Anläufen etwas gelernt. Die Vorbereitungen liefen einigermaßen koordiniert ab, die möglichen Tagesetappen waren eingeteilt, die Dörfer entlang des Flusses auswendig gelernt, die USGS-Karten um aktuellere Infos aus Satellitenbildern angereichert, ein vierteiliges Doppelpaddel und ein variabel zu positionierender Sitz nebst Kniematte zierten meine Ausrüstung. Nur mein Kanu Nobody, auf das Mike ja die letzten zwei Jahr aufpassen wollte, das hatte ich noch nicht dort, wo ich das letzte mal aufgehört hatte. Ausgeheckt hatte ich, dass Mike das Kanu weit vor meiner Ankunft von Fairbanks zur Barge nach Nenana bringen könnte, die es nach Galena bringt – wo Jake the Russian (Nobody ist die Größte) dann darauf aufpasst, bis ich da bin. Die Flüge waren lange gebucht, als ich Mike Ende Mai endlich erreichte 🙂 Er freute sich, dass er mir helfen konnte.

Kurzer Abriss. Fairbanks. Galena.
Noch vor Abflug am Donnerstag, den 05. Juli vermeldete Jake, dass das Kanu wohlbehalten und bereits mit Teilen der Ausrüstung versehen (der liebe Mike…) in Galena angekommen war. Ein Zeitfenster von 5 1/2 Wochen hatte ich mir freigeschaufelt, und planmäßig starten wollte ich am folgenden Sonntag oder Montag (08. oder 09. Juli). Bis zum Weiterflug nach Galena zeltete ich bei Billie’s Backpacker Hostel im Garten („You have been here before?!“). Mike spielte netterweise den Chauffeur für meine Besorgungen, z.B. (Achtung Anleitung!) Versenden der Hälfte meines in Fairbanks eingekauften Proviants als Voraus-Paket zum Abholen im Örtchen Holy Cross (das nennt man bei der US-Post USPS „general delivery“) oder auch das Vorab-Aufgeben einer bereits gepackten wasserdichten Tonnne per Flugzeug nach Galena. Um den Jetlag besser zu verdauen und auch noch eine kleine Tour mit Mikes Bruder Pat und Garry (ein Freund der beiden) zu unternehmen entschied ich mich, erst am Montag den 09. Juli zu starten und flog dementsprechend erst am Sonntag nach Galena. Dort nahm mich Jake herzlich in Empfang. Ich staunte nicht schlecht, als mir Jake erstens seine Freundin Beth vorstellte und ich zweitens Jakes neue Hütte sah – er schläft nicht mehr in dem alten aufgebockten Boot! Er hatte sogar eine kleine Beistellhütte gebaut, in der ich die Nacht verbringen konnte. Ansonsten war bei Jake alles beim alten. Jakes Platz ist ein Taubenschlag: Freunde und Bekannte kommen und plaudern und plaudern. Ich musste mich zwischendurch aktiv aus den Plaudereien rausziehen, um die Taschen und Tonnen zu packen und den Sitz im Boot zu fixieren 🙂 Später am Abend gab es dann frischen Lachs vom Lagerfeuer. Nur Schlafen konnte später ich nicht: der Arsch lief mir auf Grundeis, denn es hatte begonnen zu stürmen und ich hatte keinen Plan, wann das wohl wieder aufhörte. Top Start, dachte ich. Läuft bei mir…

 

 

Yeehaw!

Klammheimlich habe ich dieses Jahr den dritten Versuch gewagt. Und nach 18 1/2 Tourtagen und 830 Kilometern erreichte ich tatsächlich am 27.07. den Ort Emmonak direkt an der Mündung des Yukon in die Beringsee! Yeeeehaw!

Geschichten von unterwegs folgen bald 🙂

Beringsee1_Snapshot

 

The streets of Emmonak

Mittlerweile überraschte mich fast nichts mehr. Ich traf Denis den Schwimmer wieder in Galena – er war schon vor mir eingetroffen. Er war das Stück von Ruby bis Galena durchgeschwommen (!) und erholte sich hier, machte ein paar Tage Pause. Ich verabschiedete ihn einen Tag später. Als ich ihn in seinem Neoprenanzug in den „Fluten“ Ferne verschwinden sah (es war immer noch stark windig – paddeln wäre keine gute Idee geswesen), fragte ich mich, ob ich ihn wohl wiedersehen würde. Dabei wurde mir auch klar, was ich jetzt machen würde. Ich muss das Boot irgendwie behalten und gucke mir auf jeden Fall noch das vermeintliche Ende an, dachte ich mir. Emmonak, einer der Orte im Mündungsdelta des Yukon. Einmal dagewesen sein und schon mal Infos sammeln.

Barge – Rubymarine
Das Boot behalten zu können stellte sich als erstaunlich einfach heraus: Einen Tag später Tag sollte nämlich eine Barge hier vorbeikommen, flussaufwärts. Diese würde dann weiterfahren bis Nenana, einem kleinen Örtchen am Tanana River, nicht weit weg von Fairbanks. Ich könnte das Boot vlt. mit Mike dort abholen, dachte ich mir und organisierte alles – Jake half mir dabei. Ich sortierte meine Ausrüstung und lud das Boot mitsamt der nicht mehr benötigten Ausrüstung auf eine Palette – fertig. Und das alles für einen Spottpreis – die Fahrten flussaufwärts haben einen anderen Kurs $ pro Pfund (lb) als flussabwärts – keine 100 $. Nur der Flug stellte sich als ganz schön kompliziert raus. Der ging nur über Galena – Fairbanks – Anchorage (mit Übernachtung) – St. Marys – Emmonak. „Alter. Dieser Flug ist mit Abstand fast die unsinnigste Investition Deines Lebens“, dachte ich mir. „Prima – wann geht’s los?“, tönte es aus einer anderen Ecke in meinem Kopf.

How to say Goodbye. Or not.
Jake brachte mich in seinem Truck – ein Wunder, dass der noch lief – zum Flughafen. „Fuck. I did’t say goodbye to the Yukon.“ fiel es mir ein. Jake guckte mich an. „Well. I will tell you something. When the white people first came here, and met the natives here, and they tried to talk with each other – and even today it is the same… well… they act and behave differently. What do the white guys say about the natives? „They don’t tell anything. They even don’t say Hello or Goodbye, just come and sit or stand up and go.“ And the white people are wondering afterwards: „Did we do something wrong? What is wrong with us or them? Why dont‘ they say anything?“ And, the other way round. What do the natives think or say about the newcomers? „The white guys are always talking. Always about themselves, always the similar things which are always obviuos to everybody. If somebody stands up and leaves – everybody sees that the one guy is leaving. Why talking about that?“ Mir drehte sich der Kopf. „Jake… what are you trying to tell me?“ – „Well, Bernd. It is just,… if you are leaving without saying Goodbye… you act like somebody from here – everything ist fine?“ Ich musste etwas schlucken, umarmte Jake und stieg aus dem Auto.

Jake (links) und ein Freund

Jake (links) und ein Freund

Kaltag
„This is Andy, your pilot to Fairbanks“ stellte man mich offenbar meinem Piloten nach Fairbanks persönlich vor. „We are a little bit late and firstly, I have to fly to Kaltag. You can join me if you like. You look somewhat bored. Afterwards I will bring you to Fairbanks.“ Lange überlegt habe ich nicht…
Das Wetter war beschissen. „Wie jetzt? In das Ding soll ich einsteigen? Das wackelt ja jetzt schon!“ dachte ich mir. „Come on, what are you waiting for? You’re only gettin‘ wet!“ sprach’s aus des Piloten Mund und zog mich hinterher. Der Flug war tatsächlich relativ harmlos, wir flogen die meiste Zeit antlang des Yukon. „Gut, dass ich jetzt nicht auf dem Wasser bin. Heilige Scheiße, was für ein bekacktes Wetter da unten. Wellen und Wind, Wind und Wellen… und das geht schon seit vier Tagen so.“ (Anm.: es war aktuell der 17.07.) Es war trotz allem Atemberaubend. Ich spekulierte darauf, ob ich Denis nicht irgendwo dort unten schwimmen sah, aber ich fand ihn natürlich nicht. In Kaltag stiegen ein paar Leute zu und die Rückbänke – bis dahin voll beladen mit Waren für den örtlichen Laden – wurden geräumt. Wir landeten nur kurz in Galena und flogen direkt weiter nach Fairbanks. Dort war Ende mit den feinen Buschfliegern. Erst ab Anchorage ging es mit diesen Maschinen wieder weiter, am nächsten Tag bis nach St. Marys und dann – endlich – nach Emmonak.

The streets of Emmonak
Das Wetter war auch heute fürn Eimer. Wenigstens regnete es nicht, als ich aus dem Flieger ausstieg und völlig verloren auf einer Schotterpiste stand. Die paar Begleiter, die ich hatte, verdünnisierten sich alle schnell oder wurden abgeholt… keiner hatte Platz, mich bis zum „Ort“ mitzunehmen. War auch nicht so schlimm, ist ja nicht weit, dachte ich… wars auch nicht. Ich versteckte meinen wasserdichten Packsack in einem unbeobachteten Moment in einem Busch am Yukon. Jetzt fing es auch an zu regnen. „Zaunpfahl oder was soll das jetzt?“ dachte ich mir. Gegenüber war eine relativ große Insel, große Wellen waren sogar auf dem schmalen Kanal hier. Aber im Gegensatz zu den Dörfern weiter oben am Fluß fuhren die Fischer fleißig raus, denen war der Wellengang offenbar egal. Das Wetter muss hier wohl häufiger so sein, reimte ich mir daraus zusammen. Ich hatte keine Unterkunft und es regnete… flugs beim Postamt nachgefragt (Emmonak hat ca. 800 Einwohner – es gibt ein Postamt), von dort zur „Verwaltung“, dort könne Schlüssel für ein Zimmer im Hotel bekommen. „Was, ein Hotel? Hier???“ Ja. Aber das war natürlich voll. Aber ich soll mal nach einem Jack in der Fischfabrik fragen. Der wäre sehr nett. Also wieder raus. Die Fabrik war natürlich quasi am Ende des Flughafens, das hätte ich auch einfacher haben können, war ja klar. An der Fischfabrik wurde ich erst nur sehr misstrauisch aufgenommen – viele Teenager beäugten mich, als sei ich ein Außerirdischer. War ich ja auch fast. Der Jack empfing mich jedenfalls herzlich und dann waren auch die anderen entspannt. Er gab mir ein Zimmer in einer Unterkunft für externe Gäste. Genauer ein Aufenthalts-/Durchgangs-/Wäschezimmer, in dem eine Couch stand. „Ist this ok for you?“ – „Yes!“ . „Listen, dinner is at 6 and tomorrow breakfast at 8. You are welcome to join us!“ – „Jack, what do I have to pay for this?“ – „Oh. No. You are a guest. You are invited. You mad paddling guys – feel free. By the way, where is your boat?“ Mööööp. Da hatte aber einer die Hupe gefunden. „Well, I stopped in Galena, didn’t feel that going on is a good idea. So I cheated a little and took a flight. To say so, … call it scouting for the next time. I have no boat with me.“ eierte ich hervor. „Ahaha. I knew!“ prustete er hervor und schlug mir kräftig auf den Rücken. „You are wise acting like that, don’t feel ashamed. But I will show you something.“ Jack führte mich zu einem Boot, einem grünen Kanu, dass ich aus den Augenwinkeln schon vorher gesehen hatte. „See this one. You want it? A Father and son gave it to me, they have been here two weeks ago.“ Ich schaute mir das Boot an. Es hatte innen eine Widmung, einen Text. „This boat took Peter and Imre Kabai 1933 Miles down the Yukon River in 34 days. She is a safe and fast vessel.“ Mir fiel die Kinnlade nach unten. Imre Kabai… Ja. Der ist Dir doch 2014 shon einmal begegnet, in Fort Selkirk. Damals aber im Kajak. Und Bryan Brown (siehe Eintrag Trottelbuchten, Hobbithöhlen und wer ist hier eigentlich der Boss?) erzählte mir später, das er nach einem nicht so schönen Erlebnis mit einem Bewohner von Grayling damals nicht mehr weiterkonnte (sein Sohn sei damals schon früher ausgestiegen). Und jetzt das hier … die komplette Strecke in 34 Tagen… Jack merkte irgendetwas. „I know this guy. I met him 2014.“, sagte ich. – „And?“ wollte Jack wissen. „Keep trying…“ murmelte ich in meinen Bart. Dann ließ Jack mich allein.
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Nobody ist die Größte

Jake
Um diesen Jake zu finden, paddelte ich zu der Stelle weiter, die die Verkäuferin mir empfohlen hatte. Es war eine ziemlich große, flache Anlegestelle; eine Straße hatte einen Abzweig hier herunter. „Da oben links muss es sein, dort bei dem halb verfallenen Bulli“, dachte ich bei mir. Jake soll sehr rustikal und bescheiden leben, hatte man mir mit auf den Weg gegeben. Ich schlurfte den Abzweig entlang. Rechts ein Bulli, daneben eine Art Dauer-Stand-Zelt mit Werkstatt drin, links eine „Hütte“ aus Zeltplane, daneben ein Holzhaufen. Hmm… Aber weit und breit niemand zu sehen. Ich lief ein paar mal auf und ab, das Paddel über der Schulter. Auf einmal kam eine Gestalt aus dem Bulli, guckte mich an und hob die Arme, als ob ich ein lang ersehnter Gast sei. „Hey, who are you? I am Jake, the Russian. Where is your canoe? Come in [in den Bulli], I will make coffee.“ … und schon saß ich drin, in Jakes Wohnung. Ein wenig sehr rustikal, aber gemütlich. Nachdem geklärt war, wo ich herkomme und was ich hier mache ist schnell klar, dass ich hier auch bleiben und das Zelt aufschlagen kann. Fürs erste verabschiedete ich mich von Jake und baute das Zelt neben der Zeltplanen-Hütte auf. Ich musste nachdenken, denn mir saß etwas schon die ganze Zeit sehr schwer im Magen: Mach ich weiter oder stoppe ich hier – „schon wieder“?

Aufgeben ist keine Alternative – was genau heißt das eigentlich?
Einerseits merkte ich schon seit einiger Zeit sehr deutlich, dass irgendwas nicht stimmte; so richtig Spass machte es irgendwie nicht. Warum, konnte ich mir nur nicht wirklich erklären. Eigentlich liege ich gut in der Zeit. Bis auf die Sache mit der Isomatte ist auch alles hervorragend gelaufen. vielleicht hätte ich einen, höchstens jedoch zwei Tage schneller sein können. Sicher, der Fluss wurde – wenig überraschend – immer größer. Das Naturerlebnis ließ sehr stark nach, im Gegenzug dafür wird alles windanfälliger. Und dabei war die letzten Tage gutes Wetter! Wenn ich jetzt „wieder“ vorzeitig aufhöre… Boah. Habe ich einen Lärm gemacht vorher, schießt es mir in den Kopf. „Aufgeben ist keine Alternative“-Spendenaktion. Acht Wochen freigenommen, den kompletten Jahresurlaub aufgehoben.
„Ist das der Moment, in dem Deine Entschlossenheit auf die Probe gestellt wird?“ fragte ich mich. Und je mehr ich so darüber nachdachte, desto nerviger fand ich das alles. Alles viel zu pathetisch. Wem muss ich denn hier etwas beweisen, was soll das denn? Ich bin hier, damit es Spass macht und Punkt. Soll mir erst mal einer bis hierhin nach- und dann der Rest vormachen. Ich möchte es doch in der Art und Weise vollenden, die mir Spass macht, die zu mir passt. Aufgeben ist keine Alternative – aber was heißt das eigentlich genau? Wann hätte ich denn tatsächlich „aufgegeben“? schoss es mir weiter durch den Kopf und ein paar Momente später wurde mir erlösend klar: „Komme ich halt NOCHMAL nochmal wieder, wieder ein bisschen besser vorbereitet. Soll der Rest der Welt doch denken was er will. Spendenaktion? Ist doch Geld zusammengekommen für eine gute Sache – das ist in keinem Fall verkehrt. Und so traf ich die Entscheidung: Hier ist erstmal Ende und verkrümelte mich dann in die Bar für ein paar verdiente Bier. Ja, eine Bar, die gab es hier tatsächlich!

Nobody
Während des Rumlungerns am Tresen – es gab hier sündhaft teures Dosenbier – fiel mir auf, dass ich mein Boot noch gar nicht getauft hatte. Ich schlug mir innerlich vor die Stirn. Das musste ich schleunigst nachholen. Ist vielleicht auch Motivation, das Boot diesmal zu behalten und nicht zu verscherbeln oder gar liegen zu lassen. „Freiherz II“ war mir zu blöd und was mir sonst so einfiel fand ich auch alles irgendwie zu aufgeblasen. Ich dachte noch ein bisschen nach, mein Blick fiel auf die ganzen Hüte am Eingang der Bar… Ja. Nobody. Das ist es. Ja, das fühlte sich gut an. Wie Karneval, nur ohne blaue Kontaktlinsen 😉
Das Fenster zur Welt
Ein paar Bier und Telefonate später torkelte ich aus dem Schuppen wieder raus, klebte die Buchstaben, die ich schon die ganze Zeit mit mir herum geschleppt hatte ans Boot und legte mich schlafen bis zum nächsten Tag. Als ich wieder aufwachte, wehte starker Wind. Ha – hatte mich meine Ahnung mit dem Wetter nicht im Stich gelassen. Ich unterhielt mich mit Jake, der mir erst einmal Kaffee kochte. Jake nennt sich selbst „The Mad Russian“, weil seine Eltern irgendwann geflohen sind. Er selbst hat immer noch den Status eines Flüchtlings und könnte Amerikaner werden, will das aber nicht – und so hat er bis heute keinen Pass und kann das Land nicht verlassen. Das will er aber gar nicht und ist so glücklich und zufrieden. Während der Unterhaltung sickert irgendwas aus meinem Gedächtnis herab in mein Bewusstsein. Jake. Mad Russian. Hmm. „Jake, do you know some german guy with a canoe made of birch-bark? I think his name is Dirk Rohrbach.“ – „Oh Dirk. Yes of course, I do. But it is at least one year ago he has been here. You put up your tent exactly where he did.“ Oh was ist die Welt doch klein. Dirk Rohrbach ist Autor und – mittlerweile – Filmemacher. Er ist schon den Yukon hinuntergepaddelt in einem Kanu aus Birkenrinde, zuletzt hatte er Jake interviewt für eine 5-teilige Doku über den Yukon – Jake war schon im Fernsehen zu sehen. Unfassbar. 🙂 Der Rohrbach also wieder – wie damals bei Sucker-Bay-Jimmy (siehe Blog-Eintrag Trottelbuchten, Hobbithöhlen und wer ist hier eigentlich der Boss?)

Bilderstrecke: Run to Galena