Yistletaw und Dosenbier

Der Wind flaute während der Nacht dann doch ab, so dass es am Morgen nur noch leicht windig war. Wobei er sogar gedreht hatte – Rückenwind! Nach ein paar Regenschauern und Schwätzchen mit Jake konnte ich loslegen. Das mulmige Gefühl verschwand nach den ersten Paddelschlägen und ich erinnerte mich selbst daran, dass ich direkt in der zweiten Kurve eine Abkürzung ausprobieren wollte: Einerseits um Strecke zu sparen, andererseits um ein Feeling für Querungen zu bekommen. Denn die Querungen, die ich das letzte Mal tunlichst vermieden habe, wollte ich diesmal möglichst früh austesten. Ihnen würde ich zwei bis vier mal auf gar keinen Fall aus dem Weg gehen können. Besser, wenn ich das dann schon kenne. Ich nahm Kurs auf den Kanal zwischen dem Inselverbund Hen- und Jimmy Island und Cook Island, anstatt direkt aufs Ganze zu gehen und den Jimmy Slough auf der linken Flussuferseite zu nehmen. (Achtung Anleitung: Ich verwende die Bezeichnungen aus der USGS-Karte „Nulato“ im Maßstab 1:250.000; zu finden, wenn man auf der Seite usgs.gov die Rubriken „Products“, „Maps“ dann „USGS Store“ und dort „All Products“ und anschließend die Suchfunktion mit den entsprechenden Parametern verwendet.) Denn ich hatte noch zu viel Respekt vor dem Wort „Slough“ auf den Karten, waren Sloughs im Allgemeinen doch in anderen Reisebeschreibungen als versandende dead-ends beschrieben worden. Aber das Gegenteil ist der Fall – warum wird ein Seitenkanal sonst wohl als xyz-Slough auf einer 1:250.000-Karte herausgestellt? Aber wie fast immer im Leben lernt man ja nur aus eigenen Fehlern… versandet bin ich nämlich fast zwischen diesen Inseln. 🙂 Aber alles ging in Summe gut – die Fast-Querung machte mir Mut für das, was da noch kommen sollte. Kurz vor „Yistletaw“ (auch „Bishop Rock“ genannt genannt, weil hier 1886 ein Bishop ermordet worden war) frischte es auf und dunkelste Wolken zogen auf. Ich hielt also schnell am dortigen Fishcamp an, ein paar Motorboote lagen am Ufer und zeugten von menschlicher Anwesenheit. Ich schaffte es gerade noch, die Regenklamotten anzuziehen, als die Bindfäden von Himmel kamen. Hölle. Der Trampelpfad führte hinauf in eine Ansammlung von Hütten. Dort nahmen mich Frank und Marca, beide über 80, in Empfang und luden mich in ihre Blockhütte ein. Drinnen schliefen die Enkel und es gab Kaffee und Pilot Bread mit Nutella-Äquivalent und Marmelade. Obwohl sie hier den Sommer über zum Fischen waren, gab es noch keinen, denn der King Salmon war erst seit heute und nur für 24 Stunden frei. Der King Salmon wird am Yukon mittlerweile nur noch zu bestimmten Zeiten zum Fang freigegeben. Angesichts der weltweiten Überfischung verständlich. Was im Ozean gefungen wurde, kann nicht mehr zur Laichzeit heraufschwimmen und hier gefangen werden. Und wenn das, was noch heraufschwimmt, dann alles hier gefangen wird, kommen demnächst auch keine Lachse mehr aus dem Fluss in den Ozean… Die Leidtragenden sind wie immer die, die am wenigsten Anteil am Raubbau haben – hier z.B. Frank und Marca. In ihren Erzählungen war bemerkenswerterweise jedoch kein Groll zu hören. Als sich das Unwetter nach ca. eineinhalb Stunden sicher verzogen hatte, machte ich mich wieder auf zum Boot. Während ich das Wasser mit einem alten halbierten milchkanister aus dem Boot schaufelte, kam mir die Ewigkeit, die ich beim Fast-Versanden zwischen den Inseln mit dem Stechpaddel gebraucht hatte, in den Sinn. Warum benutzte ich eigentlich das Doppelpaddel nicht? Flugs montierte ich das Doppelpaddel und es sollte sich auszahlen: Ich konnte mehr Geschwindigkeit machen – schnell näherte ich mich Koyukuk Island, die wie ein Pfropf in der Einmündung des Koyukuk River, des letzten großen Zuflusses des Yukons liegt. Auch hier hatte ich zuvor großen Respekt – würden mich jeweils beide Zweige des Koyukuks mit ihrer Eigenströmung weit in die Mitte des Yukons spülen? Das sollte sich als harmlos herausstellen. Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte, war die Strömung an der Yukon-seitigen Abbruchkante von Koyukuk Island. Die Strömung des Yukon war hier sehr groß, und wegen der vermutlich unter Wasser liegenden Hindernisse (eingebrochene Bäume) war das Wasser sehr unruhig. (Auf diese Konstellation sollte ich noch häufiger stoßen.) Passend dazu kam erst ein kräftiger Schauer und danach Gegenwind auf, der das Wasser nicht einfacher zu fahren machte.  Als ich dann endlich den zweiten Einfluss des Koyukuk erreichte, war ich extrem erschöpt und freute mich tierisch darüber, dass das Dörfchen Koyukuk ja von hier aus ca. 1,5 km flussaufwärts (!) des Koyukuk lag. Aber, es ging alles. Nach insgesamt neun bis zehn Stunden erreichte ich Koyukuk und hatte alle Ausrüstungsideen ausprobiert. Ein guter Tag. Zum krönenden Abschluss hatten die Dorfbwohner oben an der Anlegestelle Sofas mit allerfeinstem Ausblick aufgestellt!

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Koyukuk: Es könnte schlechter sein – unten das Kanu, oben die Sofas!

 

Last Chance – Motorboot und Dosenbier
Koyukuk selbst ist ein außerordentlich kleines Dorf – keine hundert Einwohner zählt es noch und ist sehr weitläufig. Gesprochen habe ich nur mit einem einzigen Einwohner. Gesehen noch zwei andere. Hören konnte man allerdings die Dorfjugend, die auf den Quads fließig herumrasten 🙂

Etwas geplättet stieg ich den nächsten Tag wieder ins Kanu. rechte Hand passierte ich Last Chance, den letzten „Laden“ (eine zurückgesetzte Blockhütte abseits von Koyukuk mit eigener Anlegestelle), in dem man Bier und andere alkoholhaltige Getränke kaufen konnte. (Flussabwärts von hier ist das Vertreiben/Besitzen von von Alkohol streng verboten.) Kurz vor Nulato und in Nulato selbst machte ich eine kurze Pause, wollte aber noch etwas weiter Richtung Kaltag. Das erste Fishwheel sah ich am Rand, kurz vor einem Kehrwasser. Die Dinger fangen Lachse von allein, differenzieren aber natürlich nicht nach Lachssorte. Wie das dann funktioniert, durfte ich später lernen. An der Stelle „Benedum Landing“ war ein Camp aufgebaut, ich machte Halt. Doch der Mann dort machte mir keine Hoffnungen, in der Nähe seiner Campstelle zu zelten. Gestern sei ein riesiger Grizzly in sein Camp rein, und er musste ihn mit ein paar Schüssen verscheuchen. Ich solle besser eine Insel nehmen, die er mir auf der Karte zu zeigen versuchte. Dort wären keine Bären, keine Mücken (die waren hier tatsächlich furchtbar) und er wolle mir später noch einen lachs vorbeibringen. Nun gut, dachte ich und paddelte weiter. Ungefähr 2 Meilen später, ich nahm einen geschützten Kanal zwischen dem rechten Flussufer und einer Insel, kam von hinten ganz langsam ein Motorboot heran. Der Fahrer Garrett hatte offensichtlich Redebedarf, denn er fuhr parallel zu mir, horchte mich etwas aus und warf mir eine Dose Bier und getrocknete Streifen aus Elchfleisch herüber. Das Leben am Fluß könnte schlechter sein, denn das gab es 2014 und 2016 nicht, fuhr mir durch den Kopf. Garrett zog um nach Holy Cross und wollte auf dem Weg seinen Bruder in Kaltag besuchen. Eine weitere Bierdose später banden wir mein Kanu mit der Leine an seinem Boot fest und ich fuhr mit ihm mit. Noch eine Bierdose später wurde mir klar, dass das reichlich bescheuert ist, was hier passiert. Ich war total ausgepowert, kippte mir Dosenbier rein und wollte danach noch irgendwas auf die Kette kriegen? Und das Kanu fing im Zug von Garretts Boot keineswegs geradeaus, sondern driftete immer von links nach rechts und neigte sich beim Kurswechsel jeweils bedrohlich. Da Garrett immer mutiger (d.h. schneller) wurde, fürchtete ich schon, das Kanu würde irgendwann kentern. Mir schien es am klügsten, die Sache etwas anders zu lösen und opferte den mir in Aussicht gestellten King Salmon: Da Garrett ja ohnehin nach Kaltag wollte, bat ich ihn, mich dann doch direkt nach Kaltag mitzunehmen – nur mussten wir dazu das Kanu auf sein Boot hiefen, damit das gefährliche Schleppen aufhörte. Gesagt – getan! Mit einem 5 Meter langen Kanu quer zur Fahrtrichtung brausten wir nun bei einer weiteren Bierdose über den Yukon! Völlig kaputt erreichten wir gegen 11 Uhr nachts Kaltag, wo wir tatsächlich noch Garretts Bruder besuchten (es gab etwas zu essen). Um 1 Uhr nachts lag ich dann endlich im Zelt und ein klitzekleines schlechtes Gewissen machte sich breit: Am zweiten Tag „geschummelt“? Durch das Mitfahren im Motorboot hatte ich mir ca. 15-20 Meilen gespart – ein halber bis ganzer Paddeltag. Aber ich verscheuchte das Gewissen schnell wieder. Der zusätzliche Puffer würde mir an anderer Stelle sicher helfen.

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Kaltag: Zeltplatz

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Kaltag: Blick den Yukon hinauf

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