Run to Galena

Pausentag
Ich blieb noch einen Tag. Denn beim Abendessen vor der Bärenbegegnung – es gab Stachelschwein (!) im Topf – wurde mir klar, dass ich mit diesem Rythmus nichts, aber auch gar nicht vom Leben am Fluß mitbekam. Irgendwie fühlte es sich an, als sei bis auf die Geschichte mit dem Schwarzbär auf der gesamten Tour nichts passiert und mich durchströmte eine innere Müdigkeit. Also fragte ich am nächsten morgen, ob ich noch einen Tag bleiben könne, und bot im Gegenzug meine Hilfe an, für was auch immer. Aber sicher ging das. Heute musste Holz zum Räuchern geholt werden, und natürlich die Fischnetze kontrolliert. Nach der ersten Kontrolle der Netze mit dem Boot fuhren wir weiter „raus in den Wald“ – es waren schon ein paar Stellen flussaufwärts markiert. Gut, dass ich das Arbeiten im Wald und mit der Motorsäge schon kannte und damit auch tatsächlich eine Hilfe war. Ganz schön schweißtreibend, denn heute war wunderschönes Wetter. Zum Mittagessen ging es zurück – es gab leckeren Eintopf – und danach wieder Netze kontrollieren und an einer anderen Stelle Holz schlagen. Zum Räuchern eigenet sich bereits trockenes Holz der hier wachsenden Pappelart (Cottonwood) am Besten, es gibt einen genz speziellen Geschmack. In den Netzen fanden wir jedoch an jedem Tag jeweils nur zwei Königslachse, der „Rest“ war Dog- oder „Chumsalmon“. Dieser eigne sich nicht sogut zum Räuchern, da der Fettanteil im Fleisch nicht hoch genug sei. Merke: je roter das Fleisch, desto höher der Fettanteil. Mit dem Fettanteil steigt auch die Resistenz gegen Parasiten und die Haltbarkeit. Das ist besonders zu Beginn wichtig, da der Fisch erst einmal „nur“ getrocknet wird – in dieser Phase dürfen Maden keine Chance haben.

Alter Bekannter
Hans, eines der Kinder, rannte auf einmal vom Fluß hinauf. „Da braucht einer Hilfe!“ Schuwpps, schon saß ich allein beim Abendessen. Aber ich hatte da so meine Vermutung, dass dieser jemand ganz sicher keine Hilfe braucht. Ich ging schließlich gemächlich hinterher und sah wenig überraschend Denis auf das Ufer zuschwimmen… Das verschaffte mir ein wenig „Pause“, denn so ein Schwimmer zieht erst einmal sämtliche Aufmerksamkeit auf sich.
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Sonne
Ein wenig erholt, aber auch ein wenig traurig stach ich dann am nächsten morgen wieder in die den Fluß; Denis war schon früher losgeschwommen. Ich dürfe gerne wieder kommen, besonders zum Arbeiten, gerne auch den ganzen Sommer, gab man mir schmunzelnd unter Umarmungen noch schnell mit auf den Weg. Ja, das wäre was. Ein Sommer am – nicht auf – dem Yukon… Bis nach Galena waren es noch rund 80 Meilen und bis Ruby noch ca. 30 Meilen. Ruby solle man sich unbedingt ansehen, aber dazu musste ich den Fluß queren, was ich eigentlich vermeiden wollte. Der Tag war unglaublich schön, die Sonne brutzelte mich wortwörtlich und kein Wölkchen war am Himmel. Ich sah Denis noch einmal am Ufer Pause machen und gesellte mich wieder zu ihm. Er sprach von seinem – alten – Berufsleben und seiner Tochter und war etwas bekümmert. „I can tell people that they are not at the right place. In my opinion bad news are better told quickly and without additional honey. People will hate me anyway afterwards. I can hire, I can fire. My daughter doesn’t understand that. And, especially, she doesn’t understand why I am doing this. I just want to tell that everybody can do as he likes. You are free. You are free if you want.“ Ansatzweise konnte ich vermuten, was seine Tochter meinte. Was im Umkehrschluss nur bedeutete, dass er alles, was er tut und sagt auch genauso will und meint. Der Unterschied wird dann eher in der Lebenserfahrung liegen, vermutete ich weiter. „May be your daughter does not understand you now. But in some time, she will. I am sure. You just have to wait.“ versicherte ich ihm. In meinem Inneren fragte ich mich still, ob ich denn schon zum Seelenklempner am Fluß verkommen sei 😉 Es war Zeit, weiterzupaddeln…

Braten
Unerbittlich knallte die Sonne von oben. Die Einmündung des des Melozitna-Rivers zog ermüdend langsam vorbei und ergoß (für mich mittlerweile unglaublich) klares Wasser in den Yukon. Ein Elch stand am Ufer im Wasser – endlich mal Gelegenheit, ein Tier richtig aus der Nähe zu fotografieren.dsc_0477
Ruby ließ ich links von mir vorüberziehen. Keine Experimente jetzt, dachte ich mir. Viel weiter kam ich aber nicht. Ich musste unbedingt anhalten, wollte ich nicht bei lebendigem Leib anfangen, zu brennen. Sonnenschutzcreme war angesagt. Dazu hielt ich nach einer entsetzlich eintönigen Strecke und nach einer gefühlten Ewigkeit an einer wunderschönen Insel an. Sandstrand und eine flaches Hochplateu zum Zelten. Unfassbar. Der beste Zeltplatz ever am ganzen Fluß! Also blieb ich, genoß den „Abend“ und ein Bad im Fluß. Am nächsten Morgen musste ich verwundert feststellen, dass der ganze Fluß voll mit Treibholz war. Häh? Oh, klar, das Wasser war schon wieder gestiegen, wie die letzten Tage. Und irgendwann wird bereits gestrandetes Treibholz wieder weitergetragen. Gut, dass ich alles hoch auf die Insel gezogen hatte. Die Sonne schien wieder gnadenlos und ich machte mich, endlich wieder in einem normalen Tag/Nacht-Rythmus angekommen, wieder auf den Weg. Ein Schwarzbär trottete am Ufer und blickte mir lange hinterher. Hoffentlich kein Verwandter von vor ein paar Tagen…

Riesig
Der Fluß war unglaublich breit geworden. (Nicht erst jetzt, schon seit der Brücke.) Das andere Ufer konnte man kaum sehen und es ging, auch wenn es Kurven waren, gefühlt nur noch geradeaus. Windanfällig. Und jetzt ist noch gutes Wetter. Irgendwie war diese Monotonie ermüdend für den Kopf, so richtig Spass machte das so nicht. Und das soll jetzt – bei gutem Wetter – noch mindestens drei Wochen so weitergehen? Boah… Ich füllte meinen Hut mit Wasser und setzt ihn mir auf den Kopf. Herrlich kalt. Gut um auf andere Gedanken zu kommen. Trotzdem musste ich mich ja bald entscheiden, denn in Galena wäre die geschickteste Möglichkeit, aufzuhören. Spendenaktion hin, Stolz her. Spass sollte es schon machen. Pfft. Weiterpaddeln. Kurz vor meinem angepeilten Tagesziel entdeckte ich weiße Punkte am rechten Ufer, die sich nach und nach als Kreuze entpuppten. Ein Friedhof? Hier? „London Cemetery“ stand auf der Karte. Ich machte kurz halt und schaute mir alles an. Es war ja nicht mehr weit bis Galena, so 15 Meilen noch. Der Friedhof wurde sogar noch benutzt, hier mitten im Nichts. Unglaublich. Ein bisschen gruselig war das jetzt schon, deswegen fiel es mir nicht allzu schwer, wieder ins Boot zu steigen. In der Ferne waren auch langsam dunkle Wolken zu erkennen. Das konnte mit dem Bombenwetter ja auch nicht wirklich lange gut gehen. Schnell den Lagerplatz angesteuert und das Zelt aufgebaut. „Mist. Hier sind ja Bärenspuren. Auf einer Insel? Och nee. Egal, die sind ja alt, da war das Wasser bestimmt tiefer. Und klein. Also doch hierbleiben.“ Das Gewitter zog aber vorüber und ließ mich noch einen wunderschönen Abend genießen.

Run to Galena
15 Meilen warteten noch auf mich. Dann sollte ich wieder in einer „Stadt“ sein (600 Einwohner). Am Wetter hatte sich nicht viel geändert, und so paddelte ich den endlos geradeaus anmutenden letzten Teil gemächlich weiter. Nur ein bißchen Wind (Gegenwind natürlich) war jetzt ab und zu da. Und, irgendwann, zeigten sich die ersten Boote, Anleger und Häuser. GESCHAFFT!!!! Nur so richtig freuen konnte ich mich nicht, mir war eher zum Heulen zumute. Ich legte an und ging zum nächsten Laden, von dem ich zufällig nicht so weit weg war und gönnte mir erst einmal ne Limo. Und laberte die Verkäuferin voll. Wo ich denn gut Zelten könne usw.. Ich brauchte so langsam wohl doch wieder etwas Gesellschaft? Sie gab mir den Tipp, nach „Jake, the (mad) Russian“ Ausschau zu halten. Moment mal… von dem hatte ich doch schon einmal irgendwo etwas gelesen? Oder Gehört? Hmmm. Also weiterpaddeln. Zu Jake.

Paddelbilanz
470 km in 10 Tagen (05.07. bis 14.07.), davon 1 Tag Schlechtwetter-Warten, 1 Pausentag und zwei Tage mit „halber“ Ganztagesdistanz (erster und letzter). Was war anstrengend? Die Größe des Flusses und die damit verbundene Windanfälligkeit. Neuer Tag-/Nacht-Rythmuswechsel. Highlights waren der Pausentag und die Familie am Camp, die Begegnungen mit Denis und den Tieren. Auch wenn es in dem einen Fall kein Happy-End gab. Vor den Rampart-Rapids muss man sich eher nicht fürchten.

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