A day in paradise and forty miles

Es gab zwar noch ein paar Schauer in der Nacht, aber das wars dann. Der Morgen war wunderschön und Sonnenschein gab es auch. Die Auswirkungen des Höllenritts der letzten Nacht spürte ich noch in allen Muskeln und ich zog kurz Bilanz: ca. 205 Meilen standen zu Buche (zwei Fünftel der Strecke, die kleine Schummelei vor Kaltag nicht abgezogen) und hatte genau 7 Paddeltage/-nächte hinter mir. Es wäre vielleicht Zeit für einen Pausentag. Am liebsten hätte ich aber gern eine Dusche und wollte Wäsche waschen. Und nicht wieder so einen Reinfall wie in Grayling erleben. So schlurfte ich nach einem Müsli-Frühstück los, um erstmal die Lage in Anvik auszukundschaften.

Ken

Nachdem ich an dem alten Hotel vorbei nicht wirklich fündig wurde, ging ich wieder zum Zelt zurück und entdeckte in der Nähe ein paar Arbeiter, die mit Motorsägen und Freischneider zugange waren. Die Arbeiter, die Hälfte davon Jugendliche, schickten mich weiter zu Ken, der nicht weit weg vor einer größeren Blockhütte stand und sich mit jemandem unterhielt. Ken klärte mich kurz auf, wo ich hinzugehen hätte und lud mich für später wieder zu sich ein. Jetzt müsse er die Jugendlichen aufpassen, damit sie mit Motorsäge und Freischneider keinen Unsinn trieben. Ich musste zurück am Hotel vorbei und den doch recht weiten Fußweg „hinein“ ins Dorf nehmen. Wow, Anvik, mit gerade knapp 100 Einwohnern leistete sich gleich zwei Stores. Grayling hatte keinen. Gerechterweise kaufte ich im einen Store ein paar Äpfel, im anderen gab es einen größeren Tisch, an dem ich mich mit frischem Kaffee niederlassen und Pause machen durfte. Ein Nickerchen später machte ich mich dann auf zur Washeteria, musste aber erst im Rathaus (!) Dollers gegen Quarters tauschen. Gottseidank war da auch jemand drin 🙂 Herrlich so eine Dusche mit warmem Wasser, und sauber – kein sedimentiertes, braunes, kaltes Yukon-Wasser… So erfrischt machte ich mich wieder auf zu Ken. Ken, ca. Mitte/Ende 60, hat früher für das Alaska Fish and Game Department (grob übersetzt: Umwelt-, Jagd- und Fischereiministerium des Bundestaats Alaska) gearbeitet, war/ist Buschpilot und sieht jetzt in seinem Heimatort Anvik ein wenig nach dem Rechten – was hier im Klartext bedeutet, dass er den Jugendlichen fleißig Arbeitsaufträge gibt und sie beaufsichtigt. „Anvik is paradise.“, sinniert er vor sich hin. „Truly. Y’know, I started in Grayling last night…“ fing ich an, aber er unterbrach mich. „Grayling… uhm. Grayling is a crazy Village. Y’know, Anvik and Grayling, they have nicknames… Tombstone and Dodge. Now tell me which one is which one?“ Ich gucke wohl etwas zu lange aus dem Fenster, als Ken anfängt zu lachen. Ach, ich sollte wirklich antworten? Rückblickend wenig überraschend verknüpfe ich die Worte „Schießerei“ und „Tombstone“ und frage „Dodge is Anvik?“ – „Tough guy. Haha. Y’know, you were truly lucky last night with that guys down at the river bank. During weekend, sometimes people drink from Friday to Sunday in Tombstone. Sorry, in Grayling. And then sometimes nothing is better against boredness than a mocking a stranger. But, now you are here. What can I do for you?“. Während ich noch weiterhin ein wenig dösig und verschreckt aus dem Fenster glotze, weil ich über die Situation bei dem Typen mit den zugeschwollenen Augen, über die Fahrt auf dem Quad, die Schüsse und die betrunkenen Typen am Strand und im Tribal Office in Grayling nachdenke, schicke ich drei Stoßgebete in den alaskanischen Himmel. Vielleicht sollte ich langsam doch mal auf mich aufpassen. Schließlich sage ich „Well, perhaps you could Show me some good camping spots along the banks downriver.“ „Wow. Perfekte Überleitung!“, schüttele ich innerlich den Kopf über mich, aber ich habe keine Lust mehr über Grayling zu sprechen. Ken ist der erste, der einer Landkarte ernsthaftes Interesse schenkt. Normalerweise frage ich Einheimische schon gar nicht mehr, die kennen Ihren Fluss ja. Sie brauchen dafür keine Karte, sie wachsen ja von klein auf damit auf. Und weil sie nie eine Karte brauchen, können sie jemand anderem mit/auf einer Karte meist auch nicht weiterhelfen. Ken gibt mir noch einen Kontakt mit für Marshall, wo ich mich unbedingt melden solle. Am Ende erzählt er mir noch viel von der Fliegerei, dass er oben am Flughafen ein eigenes Flugzeug hat und von der Jagd. Ob denn die ca. 15 Büchsen, die bei ihm in einer Ecke stehen, kein Problem seien. Nein, hier passiere nichts. Ich erzähle ihm noch über die (in einem so dicht besiedelten Land wie Deutschland notwendigen) Auflagen in Deutschland, worüber er nur die Stirn runzeln kann. „Life ist better in Alaska, hm?“

Abends sitze ich am Zelt (ich mache übrigens kein Feuer in der Blechtonne, falls jemand das Foto falsch interpretiert) und beglückwünsche mich innerlich zum Pausentag. Alles richtig gemacht. Doch da röhrt auch schon eine Quad herbei und unterbricht meine Selbstbeweihräucherung. Tonya, Anfang zwanzig, recht füllig und verständlicherweise etwas gelangweilt vom Dorfleben, scheint der komische Kauz mit dem Zelt an der Blechtonne wohl gerade die rechte Ablenkung zu sein. Am Ende eines kurzen Verhörs lädt sie mich zu sich nach Hause ein und braust in einer Staubwolke davon. Nur gesagt, wo ich hinkommen sollte, hat sie nicht. Prima. Ne bessere Ausrede gibt’s wohl nicht. Beruhigt krieche ich ins Zelt. Doch… weit gefehlt! zwei Stunden später röhrt es wieder. Ob ich denn schon schlafe, brüllt sie von der laufenden Quad aus Richtung Zelt. Ich weiß tatsächlich nicht, ob ich lachen oder weinen soll und lege eine Schallplatte von I.M. Müde auf. Ihr Freund möchte, dass ich mitkomme. Sie hätten einen großen Fernseher. Während ich mich frage, was denn das wohl werden soll und warum ihr Freund denn dann nicht selbst kommt, zitiere betont leidend die Schallplatte von I.M. Müde. Fast tut sie mir etwas leid, als sie irgendwann aufgibt und röhrend davon braust. Hoffentlich hat sie keine Knarre…

Tags drauf versuche ich noch, meine Wasserkanister an der Washeteria aufzufrischen, aber ich komme nicht weit. Ein älterer kleiner Herr, der etwas versetzt neben Ken in einer Hütte wohnt und nicht weit weg von meinem Unterstand noch seine Fischräucherhütte benutzt, überholt mich auf dem Weg und überredet mich, doch mit ihm zur Quelle zu fahren. Die sei weiter weg unten am Fluss, aber das Wasser sei gut und frisch – nicht aufbereitet wie das an der Washeteria. Ich denke kurz über „besser auf mich selbst aufpassen“ nach, aber er ist definitiv nicht betrunken. Und so brausen wir – freilich ohne Helm – durchs Dorf, dann entlang eines höllisch steilen „Shortcuts“ hinauf auf die Rollpiste des Flughafens, links geschaut, rechts geschaut (kein Flieger im Anflug), und ab dafür. Der Weg durch den Wald ist ähnlich abenteuerlich – das Wasser an der Quelle aber tatsächlich wunderbar. Alles richtig gemacht. Wieder im Dorf besuche ich Ken noch einmal, mache noch ein Nickerchen und paddle gegen sieben Uhr abends los, als der wenige Wind des Tages fast schon ganz abgeflaut hat.

Run to Holy Cross

Das Paddeln geht zunächst gut von der Hand. Das Wetter ist gut, die Sonne scheint noch ein Weilchen und es ist windstill. Doch wird mir schnell klar, dass es auf der Strecke ab ca. der Hälfte der Distanz zu Holy Cross (d.h. noch 20 Meilen) nicht viele gute Zeltmöglichkeiten gibt. Frohen Mutes sage ich mir „Och, ein Tag Pause, da kannste ja jetzt wieder ranklotzen, zur Not bis Holy Cross“, und paddle weiter. Die möglichen Inselgruppierungen haben leider allesamt steile Abbruchkanten und so muss ich sie passieren lassen. Schließlich macht es keinen Sinn mehr, nicht bis nach Holy Corss zu paddeln und ich beiße die Zähne zusammen, bis ich den Slough nach Holy Cross erreiche. Hier versackt jedoch plötzlich die Strömung und kurz danach habe ich auch nur noch eine Paddelblattiefe Wasser unterm Boot. Häufig setze ich mit den Paddelblättern auf und schließlich bleibe ich mit dem Boot stecken. Super. Ich bin furchtbar erschöpft und Holy Cross ist noch ca. 5 Meilen entfernt. Ich spüre, wie mein Ärger hochkocht und schiebe das Boot wieder los. Ich versuche, das Wasser nach bestem Wissen zu lesen und komme im Schneckentempo weiter, ohne erneut aufzusetzen. Ich erreiche eine schlammige Rampe, die ich auf Grund der Boote und der Autospuren versuchsweise als Anlagestelle von Holy Cross annehme. Es ist halb fünf morgens und ich bin müde und genervt. Das Anlegen gestaltet sich schwierig, denn alles, wirklich alles, ist mit versackendem Schlamm „ausgelegt“, und auch ein annehmbarer Zeltplatz ist hier unten an der Rampe nicht zu finden. Und so gehe ich erstmal „in die Stadt“, die allerdings ca. einen Kilometer entfernt ist. Das erste, was mir begegnet, ist ein Fuchs. Abgemagert, so dass ich schon an Tollwut denke, aber der hier hat sich einfach nur zu sehr an das Leben in der Nähe von Menschen gewöhnt und die Mülltonnen scheinen leer? Ich passiere die Schule und einen Grocery Store, bei dem nebenan noch Licht brennt. Ich klopfe, werde aber mit wüsten Gesten verscheucht. Naja, was habe ich auch erwartet um diese Uhrzeit? Völlig frustriert sortiere ich nochmal meine Optionen und gehe wieder zum Boot. Ich paddle einfach auf die andere Seite des Sloughs, dort waren ein paar Fischerhütten. Dort soll ich doch wohl einen Zeltplatz finden? Endlich, um sechs Uhr morgens, liege ich im Schlafsack. Ob Bären kommen könnten – die Insel gegenüber von Holy Cross sind nicht allzu weit weg vom Festland und hier wird immer Fisch zerlegt – ist mir jetzt gerade total egal.

Paddelbilanz: 39 Meilen / knapp 62 km.

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