Blown away

Ein leichter Kopfschmerz weckte mich auf. Man, was für ne bekloppte Aktion mit dem aufgeladenen Kanu. Aber ist ja alles gut gegangen. In Kaltag sollte es einen guten kleinen Laden geben, zudem eine Washeteria – vielleicht gibt es sogar eine warme Dusche? Auf dem Weg zum Laden wurde ich aber von einem älteren Herren abgefangen und zum Morgenkaffe eingeladen. Es ist immer schön zum Kaffe eingeladen zu werden. Aber anstrengend wird es, wenn man nach drei mal „wie bitte“ in den Nicken-und-Lächeln-Modus verfallen muss, weil man nix versteht 🙂 Aber auch traurig – es waren bestimmt für den älteren Herren wichtige Dinge aus seinem Leben, die ich da nicht richtig verstanden habe. Nach dieser ersten Herausforderung des Tages gings dann wirklich zum Lädchen. Noch einen Kaffee, ein sündhaft teueres Snickers – welch Dekadenz – und schon die Frage „Are you the guy with the canoe?“ – „Yes…“ (in so einem kleinen Dorf verbreiten sich News ja sehr schnell…). – „I chased off some dogs from your canoe this morning. Are you sure everything is ok?“… Jetzt war ich tatsächlich sprachlos und verließ nach dem Gespräch grübelnd den Laden. Was konnte denn da los sein? Die Washeteria hatte jedenfalls geschlossen. Also keine warme Dusche. Beim Packen und Beladen des Kanus fiel mir dann in die Hände, wonach die Hunde gesucht hatten. Der Beutel getrockneter Streifen Elchfleisch, den mir Garrett am Tag vorher gegeben hatte, lag noch im Kanu. Ein Glück: nicht eingeweicht und ausgelaufen. Das wäre der Super-Gau. Ein Kanu, dass nach Elchfleisch riecht (den Geruch hätte ich vermutlich auf dieser Tour auch nicht mir mehrmaligem Auswischen weg bekommen). Da hätte ich bestimmt viel Bärenbesuch bekommen. Einmal mehr schmunzelte ich, schüttelte innerlich den Kopf über mich und machte drei Kreuze.

Es war etwas windig, aber im großen und ganzen war das Wetter ok. Also brach ich auf. Ich „wartete“ allerdings schon darauf, wann mich Freund Wind wohl am Ufer Pause machen schickt. Und tatsächlich, er verleidete mir das Paddeln ungeführ nach 5 Meilen – ich machte halt am zweiten Fishwheel des Tages. Die Fishwheels funktionieren übrigens so: An einer Achse sind drei bis vier Fangkörbe angebracht und werden durch die Strömung in Rotation versetzt (Öffnung in Strömungsrichtung). Das funktioniert, da außen am Boden des Korbes eine Plane angebracht ist, die im Wasser (von unten) gegen den Korbboden gedrückt wird, beim Herausheben aus dem Wasser aber den Kontakt zum Boden verliert und so die Umdrehungen des Rades überhaupt erst ermöglicht (die Plane ist nur an der Seite des Korbes angebracht, die am nächsten zur Achse ist). Die Lachse schwimmen flussaufwärts und damit in die Fangkörbe. Bevor sie da raus gefunden haben, wird der Korb aber schon aus dem Wasser gehoben. In der Mitte ist dann eine Rutsche, in die die Lachse beim weiteren „Hochfahren“ aus dem Wasser hereinfallen. Und am Ende der Rutsche in einer Kiste (auf einem Haufen weiterer Lachse) landen. Die Fishwheels werden immer in bzw. kurz vor Beginn von Kehrwassern eingesetzt, denn Lachse lieben das Kehrwasser – die Strömung verläuft dort anders und sie können so Energie sparen.

Ein typisches Fishwheel in der Gegend um/nach Kaltag. Man sieht gut die schmale Stegverbindung zum Festland, die Plane zum Ausnutzen der Strömung und die Montagekonstruktion

Auf das Fishwheel passten Bradley uns ein Vater mit seinem Sohn auf (deren Namen habe ich leider vergessen). Es gab schon wieder Kaffee und während der Wind vorüber pfiff, machte ich unter dem Schutzdach ein kleines Nickerchen. War ja schon Schwerstarbeit heute. Irgenwann wird sowas natürlich langweilig. just als mir das bewusst wurde, kam ein Motorboot vom Fishwheel flussaufwärts. Jemand bat um Hilfe, denn das Fishwheel hatte sich teilweise aus der Verankerung gelöst. Ich nutze die Gelegenheit und bot meine Hilfe an. Schon saß ich mit im Boot flussaufwärts. Als Dankeschön gabs zum Abschied, als der Wind ein wenig abgeflaut hatte, zwei Whitefish mit auf den Weg. Die konnte ich recht bald zubereiten, denn nach ungefähr nur einer weiteren Meile nach der nächsten Biegung pustete es wieder so stark flussaufwärts, dass ich gefühlt stehen blieb. Ich arbeitet mich noch zur nächsten Hütte in Sichtweite vor und verkroch mich darin samt Whitefisch, den ich mir dort schmurgelte. Während ich also so in der Hütte (die keineswegs allzu massiv war) hockte, merkte ich, dass das hier eine extrem blöde stelle zum Ausharren war. Die Hütte war nicht mückendicht – schon gar nicht bärensicher – und roch jetzt nach Bratfisch. Und auch drumherum kein ordentlicher Platz für das Zelt. Also machte ich bei nächster Gelegenheit los – nur um nach zwei Meilen entnervt beim nächsten Fishwheel halt zu machen. Hier passte Dakota, ein 21jähriger Musiker auf das Rad auf. Er lud mich ein, bei ihm den Wind auszuwarten – die Einladung nahm ich natürlich gerne an. Dakota hatte Verwandschaft in Kaltag, wollte aber eigentlich mit seiner Musik sein Geld verdienen. Dies hier war ein Sommerjob für ihn. Vor mir sei eine Gruppe von Litauern im Kanu unterwegs, ca. 4-5 Tage voraus, erzählte er mir. Auch, wie er vor kurzem erst einen Bären verscheuchen musste, der die im Überfluss gefüllte Kiste mit den Lachsen gerochen hatte. Die Fishwheels brauchen natürlich einiges an Tiefgang und sind daher ein Stückchen weit weg vom Ufer. Mit dem „Festland“ sind sie nur über einen furchtbar schmalen Stag verbunden (siehe zB Foto oben). Diesen Steg konnte Dakota dann auch „halten“ gegen den Bären, indem er mit Stock und Stimmbändern richtig Randale machte. Ein Gewehr wie der Mann am allerersten Fishwheel vor Kaltag bei Benedum Landing hatte Dakota nämlich nicht dabei. Erstaunlich, wie unterschiedlich Menschen damit umgehen. Dakota musste allerdings am Ende doch einen Lachs rüberwerfen, so hartnäckig war der Bär. Der Bär sei trotz seines „Erfolgs“ trotzdem noch nicht wieder da gewesen. Was ein Glück. Ich leistete Dakota noch Gesellschaft, bis der Wind nachließ. Da war es schon 23.00 Uhr! Er gab mir noch einen King Salmon mit, den ich im Müllbeutel verpackt auslaufsicher am Bootsboden (Kühlschrank, solange man paddelt!) verstaute. Erstaunlich, wie der Wind immer nachts nachlässt, sobald die Sonne verschwunden ist. Ich konnte (musste?) noch vier stunden durch eine wunderbare Nacht paddeln. Das kannte ich ja schon aus den Flats, aber ich war mir nicht sicher, ob ich die ganz Nacht hindurch etwas sehen würde. Es klappte aber wunderbar, auch wenn es gegen halb zwei schon anstrengend wurde, Dinge richtig zu erkennen. Aber glücklicherweise erkanne ich die Dinge noch – ein Schwarzbär trottete am Ufer entlang, und einen Wolf bekam ich auch zu sehen: Als ich auf die Kehle einer Linkskurve zupaddelte, bemerkte ich eine merkwürdige Kontur am Ufer, vor einer Mini-Lichtung. Ich paddelte nun ganz vorsichtig und langsam darauf zu und versuchte im Dämmerlicht auszumachen, was es sein könnte. Sogar so vorsichtig, dass ich mich nicht traute, die Kamera auszupacken… schließlich erhob sich die Kontur und entpuppte sich als großer Wolf. Er schaute mich kurz an und verschwand im Dunkel hinter der Mini-Lichtung. Weg, das war’s schon. Was für wunderschöne Tiere. Noch ganz beseelt von den Eindrücken erreichte ich um 3 Uhr morgens Morgan Island. Ich baute schnell alles auf, legte den King Salmon im Mülltbeutel ins Yukon-Wasser zur Kühlung und beschwerte alles mit einem Stein. Dann, endlich, war pennen angesagt.

Blick flussaufwärts von Morgan Island

 

Ich musste lange schlafen. Aber in wunderschönem Sonnenschein (und kräftigem Wind) machte ich mich flugs daran, den King Salmon zuzubereiten (Frühstück…). Filetiert, mit Salz, Pfeffer und getrocknetem Knoblauch in Alufolie eingewickelt und auf das Grillrost gestellt. Fehlte nur noch das Feuer. Endlich mit der Axt dem Treibholz zu Leibe rücken. Zwischendurch war auch Zeit für ein Bad in den braunen Fluten und einige Nickerchen. Herrlich. Das war Leben am Fluss. Mir fiel auf, dass ich seit meiner Ankunft in Galena vor drei Tagen das erste mal tatsächlich in der Wildnis gezeltet hatte und nicht „in der Zivilisation“. Schräg irgendwie. Passend zu diesen Gedanken fuhr in der Ferne am Ostufer der Insel eine Barge vorbei. Das Frachtschiff war schwer beladen mit Baggern und ähnlichem Gerät. Leben an diesem Flussabschnitt war doch wahrnehmbar. Ausgestattet mit der eigentlich nicht unbekannten Erfahrung, dass man nachts wegen des nicht vorhandenen Windes besser paddeln kann, machte ich um halb acht abends los. Das Wetter war herrlich, nur einmal zog ein kurzes Gewitter auf, dass mich für eine halbe Stunde ans Ufer und in die Regenklamotten zwang. Ich passierte Eagle Slide, eine Steilklippenformation, um wenig später das metallene Riesenfishwheel zu finden, von dem Dakota mir schon berichtet hatte. Dort machte ich zunächst Pause, ließ mich aber von der Besatzung einladen, in deren Camp ein wenig flussabwärts zu übernachten und die Annehmlichkeiten eines größeren Camps zu genießen (Bärenschutz, ständig vorrätiger heißer Kaffee, Trockenklo). So konnte ich am nächsten Tag auch wieder früher lospaddeln, was sich jedoch als riesengroßer Unsinn herausstellte. Nachdem ich zweimal vom Wind ans Ufer gezwungen wurde, dort aber außer Bärenspuren und -kot nichts erbauliches vorfand, entschloss ichh mich soweit voran zu „kriechen“, wie ich konnte. Im Tunnel auf der Westseite von Eagle Island war es dann soweit: Mitten auf dem Wasser brachen sich die Wellen, Whitecaps allenthalben und ich kam keinen Meter mehr weiter. So aufgeschmissen, machte ich erstmal Feuer – vielleicht konnte ich so Bären wenigstens davon abhalten, überhaupt am Ufer entlang zu trotten (und auf diese Weise zufällig auf mich zu stoßen). Nachdem ich auch hier festgelstellt hatte, dass es ein äußerst ungeeigneter Platz zum Übernachten war (Steinufer, keine Lichtung im Hinterland zum Zelten und die Bärenspuren an den Ufern ein paar Kilometer flussaufärts), setzte ich alles auf die Karte „Warten“. Mit Erfolg, auch wenn es ca. 8-9 Stunden dauerte bevor es weiterging.

Blick auf den Yukon flussabwärts während der Wind das Geschehen beherrscht. Das Feuer brennt bei dem Wind gut und braucht viel Holz – das lässt der Langeweile keine Chance – die Axt ruft!

Aber auch danach war das Wasser noch unfassbar aufgewühlt, es fing an zu nieseln, dann regnete es richtig und wurde kalt. Ich fragte mich, ob ich nicht sogar zu sehr auskühlte, als ich auf der Karte das Mini-Dorf Blackburn ausmachte – war hier wirklich alles so zerstört und verbrannt, wie man mir in Kaltag und den Camps erzählte? Nachdem ich im zweiten Anlauf tatsächlich die richtige Anlegestelle vorgefunden hatte, kämpfte ich mich durch das mittlerweile hohe Gestrüpp, machte Lärm um Bären vor mir zu „warnen“. Nur um abgebrannte Hüttenreste vorzufinden. Und Myriarden Mücken. Flussaufwärts erzählte man sich , ein Verrückter hätte die Hütten angezündet und treibe sich immer noch am Fluss herum, angeblich hause er im Winter bei Ruby in einer Höhle. Hier war jedenfalls nur ein großer Wellblechschuppen noch ansatzweise intakt. Dort mochte ich mich aber nicht niederlassen und so sammelte ich die letzten Kräfte und padddelte noch die ca. 2 1/2 Meilen weiter bis Alice Island, wo ich dann um fünf Uhr morgens absolut erschöpft die Augen im Zelt schloss.

Blick von Alice Island nach Westen (flussabwärts=links). Die vorgelagerte Sandbank täuscht – man kann nicht ans gegenüberliegende Ufer laufen!

Am nächsten Morgen gab es schönes Wetter. Ich traute zwar dem Braten nicht, und mir steckte vor allem die Erschöpfung des vergangenen Tages in den Knochen (vor allem im Kopf), aber interessiert das hier jemanden? Es ergab sich eine wunderschöne Paddeltour durch die Nacht, über spiegelglatte Wasser – und durch aufkommende Kälte. Während ich so im Boot frohlockte und die Stille und das Naturschauspiel genoß, bewegte sich am rechten Ufer etwas. Ein Grizzly trottete flussaufwärts! Wahnsinn, wie schnell man da alles andere vergisst. Ich traute mich diesmal die Kamera auszupacken, machte ein paar Fotos und sah dann zu, dass ich mehr Abstand zwischen mich und den Bären – also das Ufer – bekam. Schlussendlich machte ich den Bären mit ein paar Klopfern des Paddels aufs Boot und ein paar Rufen auf mich aufmerksam. Und tatsächlich, er sondierte mich, setzte sich auf, versuchte Witterung aufzunehmen – und verlor nach einer Weile das Interesse an dem komischen roten Ding mit gelben Flügeln (die Paddelflächen) und dem blaugrünen Männeken darin. Puh. Und so paddelte ich weiter durch die immer kälter werdende Nacht und erreichte tatsächlich um zwei Uhr bei zwei Grad Celsius Grayling! Ohne es richtig zu bemerken, hatte ich die längste Etappe ohne Zivilisation (vermeintlich – getroffen habe ich ja doch recht viele…) gestemmt – 111 Meilen (knapp 180 km).

Spiegelglatter Fluss – bis hier eine Seltenheit!

Grayling ist nicht mehr weit!

Der Grizzly kurz vor Grayling. Lieder fand ich erst nachher raus, wie man die Kamera vernünftig für Aufnahmen im Dämmerlicht einstellt… (so hell wie das Bild wirkt war es nicht mehr)

 

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