Hühnerhaufen und Strandphilosophen – Kauai

Lihue, 30 Grad imSchatten. 3-Wetter Outdoor-Schichten an.
Nein, dass passt nicht zusammen. Aber die Klamotten waren auf jeden Fall zu warm und ich kann mich doch nicht auf dem Flughafen umziehen.

Blablabla. Es musste ein Auto her. Eins, in dem ich die Sitze so umbauen konnte, dass ich auch drin schlafen kann, war ich doch schon zu faul zum Zelt aufbauen geworden. Und ich hatte absolut keinen Plan, was ich jetzt auf der Insel machen würde. „Go to the north“, riet mir der Mann von der Autovermietung. „As I was young and came here the very first time – well in deed I stayed – I stayed the whole summer at the beaches in the north. Anini Beach is the most beautiful, but you might as well enjoy the other… blablablablabla…. I will show you on the map… blablablabla….“ An den Rest kann ich mich nicht mehr erinnern, es war einfach zuviel. Aber das Wort „Anini“ konnte ich mir merken. Ich stieg in den Wagen und… stieg wieder aus, hatte ich doch etwas am Schalter vergessen. Dabei trat ich fast auf ein Huhn und erschreckt uns beide damit zu Tode. Ein Huhn??? Noch wunderte ich mich. Aber die liefen auf der Insel überall rum, wie ich noch lernen sollte. Das altbekannte Programm begann wieder von vorn. Einkaufen. Brennspiritus für meinen Trangia-Brenner besorgen (das ist außerhalb Europas absolut kein Kinderspiel!). Badematte, Hawaii-Hemd und Badehose durften nicht fehlen. Und als das dann endlich erledigt war, fuhr ich brav nach Anweisung in den Norden, fand den Anini Beach und blieb. Ich dachte ich träume. Nix mit von Touristenleibern überfüllten, endlosen Sandstränden. Eine riesengroße, ebene Rasenfläche wurde von einer 5 Meter tiefen Waldhecke begrenzt, dahinter wartete der ebenfalls nur ca. 5 Meter tiefe Sandstrand. Und dann kam das Meer. Es waren zwar auch Menschen da, aber die fielen gar nicht auf. Und befreiend warm war es. Nicht drückend-schwül oder etwas in der Art, einfach nur angenehm warm. Also, wenn man sich nicht bewegte.

„Where are you from?“ Riss man mich aus meinem Staunen. Ich drehte mich um und blickte in ein wettergegerbtes Gesicht. Es war Richard, ein Fischer aus – Trommelwirbel – Alaska. Im Sommer in Alaska arbeiten und dem Winter auf Hawaii trotzen. Er erklärte mir schnell, wie das hier mit den Campgrounds funkionierte. Man brauchte nämlich doch Permits. Für sagenhafte 3 $ pro Nacht. Uiuiui. Ob ich mir das noch leisten kann? Die Permits bekommt man in ich-habe-den-Namen-vergessen und die haben nur von 12 bis Mittag auf. Und am Wochenende zu. Aber wenn man die Kontrolleure beim Rundgang morgens nett anguckt kommt man auch so klar. Aha. Nett gucken. Ich. Hmm. Richard empfahl mir außerdem, den sog. Kalalau-Trail zu erwandern und für einen Internetzugang mal in den öffentlichen Büchereien vorbeizuschauen.

Bei der Zubereitung des Abendessens machte ich das erst mal seit langem wieder Bekanntschaft mit nächtlicher Dunkelheit. Und zwar ab Punkt 19 Uhr. Gruselig. Ich schlich zum Strand und legte mich unter den Sternenhimmel. Sternschnuppen zu Hauf, am Horizont waren die Lichter und Umrisse eines Kreuzfahrtschifes zu sehen. Ich schlief ein.

Ein Krähen weckte mich. Aber nicht am Strand, denn dort hatten mich Krabben dauernd mit Sand beworfen. Zu bestimmten Tages- bzw. Nachtzeiten kommen die aus Ihren Höhlen im Strandsand gekrochen und haben dann neben der Nahrungssuche (gerne kleinere Artgenossen) ausschließlich damit zu tun, ihren Höhleneingang einer Kehrwoche zu unterziehen. Was lege ich mich auch vor deren Haustür. Zurück zum Krähen – ich hatte die Nacht im Auto verbracht. Da waren sie also, die Horden von Hühnern. Was ist denn hier los??? Aber die tun ja keinem was. Nach dem Frühstück besorgte ich mir in Princeville einen Bibliotheksausweis, fand heraus, dass man für den Kalalau-Trail einen Permit brauchte, es aber natürlich für die ganze nächste Woche keinen mehr gab und stampfte das ganze auf eine Tageswanderung zum Hanakapai’ai Beach und einem Wasserfall im Hinterland. Für Montag besorgte ich mir ein Kajak, wollte ich doch Hawaiis vermeintlich einzigen „schiffbaren“ Fluß, den Wailua, bepaddeln. Am Abend fuhr ich dann schon einmal Richtung Trailhead am Ke’e Beach und blieb in der Nähe, am Haena Beach. Ich wollte früh aufstehen, um nicht in der Mittagshitze wandern zu müssen. Überall wurde vor den Anstrengungen der Wanderung gewarnt, man solle viel Wasser mitnehmen, sich auf schlechtestes Wetter einstellen, blablabla. Wie ernst konnte ich das jetzt nehmen, es war ja andererseits auch eine „übliche“ Tageswanderung. Egal, ich nahm meinen – für eine Tageswanderung viel zu monströsen – Trekkingrucksack, stopfte rein als wollte ich wieder zurück nach Alaska und zog in Badeshorts, T-Shirt und Wanderstiefeln los. Muss lustig ausgesehen haben.

Kalalau-Map

Ich habe noch nie so viel geschwitzt – ich hatte auf keinen Fall zu viel Wasser mitgenommen. Und der Trail war wirklich nicht ganz einfach, aber auf die Survival-Ausrüstung „für alle Fälle“ hätte ich dann doch getrost verzichten können. Egal. Ich legte eine Pause am Hanakapai’ai Beach ein, wo der eigentliche Kalalau-Trail weiter die Küste entlang führt, meine Tagesroute aber in den Dschungel führt, den Hanakapai’ai-Fluß hinauf. Am Beach selber wurde eine Strichliste als Warnschild geführt: Wegen nicht zu erkennenden Strömungen in der Brandung soll man auf keinen Fall runter zum Wasser gehen – 86 Menschen seien hier schon ertrunken… Nicht, dass das irgendjemanden interessiert hätte.

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Am Ende der Wanderung wartete ein Huhn.

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Nein, ein Wasserfall, die „Hanakapai’ai-Falls“. Und ein Haufen Menschen. Und ein Huhn. Dann gings den gleichen Weg zurück.

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Wailua-River und der Rest
Am Montag besorgte ich mir erst mal ganz hoch offiziell für 3 $ je Nacht die Permits zum Campen, um am Mittag ins Kajak auf den Wailua zu hüpfen. Der Abend brachte einen neuen Strand, den Anahola Beach. Hier konnte ich das Zelt direkt am Meer aufbauen (im Auto wars doch einfach zu warm). Ich fuhr noch einen Tag auf der Insel herum, organisierte mir den Flug von LA nach Vancouver, und verbrachte den Rest der Zeit im Wesentlichen mit Nichstun. Ich fand, das hatte ich mir verdient. Am folgenden Freitag gings nach einer Woche zurück nach LA.

High-End Philosophie – a constant living in fear
Ich war dazu übergegangen, Anhalter mitzunehmen. Schließlich hatte ich ja schon gewaltig davon profitiert – irgendwie wollte ich das auch zurück geben. Irgendwann war auch so ein Surfertyp dabei – er war aber Masseur, wie er erzählte. Obendrein ein wenig zugedröhnt. Na das kann ja was werden. Ich erzählte von dem, was ich vorher gemacht hatte und erntete Bewunderung, im Gegenzug erzählte er davon, wie es ihn vor ein paar Jahren nach Hawaii verschlagen hatte. Er hatte auch einen Sommer am Kalalau Beach gelebt, wo man nur über den Trail hinkommt, für den ich keinen Permit mehr bekommen hatte. Ich erwähnte mein „Glück“ mit dem Permit. „Permit? What? You don’t need that. There is even a small village and nobody has a permit when they march to town sometimes.“ … Ich war sprachlos. „Uh… I see. So the mistake I made is that I took some rule serious? Might be… well in Germany we we have rules for everything… unimaginable. Germany his highly populated, say overcowded. And because of that…“ fing ich an zu salbadern, wurde aber mit „So people in Germany are living in a constant fear of anything?“ unterbrochen. Wieder war ich sprachlos. Nach nur 15 minütiger Unterhaltung hatte er alle Deutschen in einer ihrer Gemeinsamkeiten durchschaut. Es passte einfach. Wenn ich an all das Beschweren, Jammern, Meckern, Diskutieren, Wählen und Abwägen denke; an das Sorgen machen über Rente, Krankheit, Kredit abbezahlen, alles Mögliche mindestens 3 Jahre im voraus planen, der Nachbar hat die Kehrwoche nicht eingehalten (oder sich ein neues Auto gekauft)… die Liste könnte fast endlos weitergehen. Es passt.
A constant living in fear. Ein zugedröhnter Typ liefert High-End Philosophie frei in den Mietwagen. Unfassbar.

No shields
Hawaii war befreiend. Mit einem Mal war alles mühselige der letzten Wochen, besser der letzten Monate weg. Zeltplatz suchen, nicht in einer Kuhle, aber geschützt. Beim Kochen Aufpassen um keine Bären mit Nahrungsmittelresten anzulocken. Alles möglichst geruchsdicht verpacken. Warm anziehen. Wo gibt es Wasser. Was macht das Wetter, regnet es bald? Was macht Freund Wind? Gibt es eine gute Stelle für eine Wetterpause? Wo ist das Bärenspray? Wo bin ich überhaupt? Wird das Kanu weggespült wenn das Wasser steigt? Wie weit stelle ich die Tonnen weg vom Lagerplatz?…
Alles egal. Keine „Schilde“ mehr nötig gegen alle möglichen Widrigkeiten der Natur. Nur Zelt an den Strand, mit der Brandung einschlafen und wieder aufstehen. Blick direkt aufs Wasser…
Werde ich deswegen von jetzt an „den Norden“ meiden? Keinesfalls. Auf die Abwechslung kommt es an.

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