Once again: Die Yukon-Flats

Typisch alaskanisch verzögerte sich die Abfahrt am Samstag noch. Das Kanu, an dem ich noch eine Spritzdecke installieren ließ, war nämlich noch nicht fertig. Ich wurde langsam etwas nervös – besonders große Sorge hatte ich, eine windige Ausgangslage vorzufinden. Erst gegen 22 Uhr kamen wir in Circle an – Windstille. Und noch bevor ich sentimental oder zögerlich werden konnte, paddelte ich sofort los. Meine Kraft reichte aber verständlicherweise nicht besonders lange und so gegen 4 Uhr nachts legte ich dann an irgendeiner Insel an, kroch sofort ins Zelt. Auch am Morgen erwartete mich Windstille, die ich natürlich sofort weiter ausnutzte. Ich paddelte unter strahlend blauem Himmel. Unglaublich. Nur am frühen Nachmittag dräute von Westen her eine Gewitterwolke. Als es das erste mal grummelte, gab ich nach, legte an und wollte das Spektakel abwarten. Doch erst mal passierte nichts. Trotzdem wollte ich deswegen nicht gleich das Zelt wieder abbrechen, nur um dann böse überrascht zu werden. Blöderweise konnte man es im Zelt nicht aushalten vor Wärme, also legte ich mich einfach ans Ufer ein wenig in den Schatten. Mücken waren Gott sei Dank noch nicht unterwegs und ich schlummerte friedlich. Sand fegte plötzlich durch mein Gesicht, das Zelt wackelte – jetzt ging es doch los. Schnell alles verstaut und ab ins Zelt, Schotten dicht. Draußen war die Hölle los.

Geschichte wiederholt sich?
Peng! Knallte es. Häh? Nochmal: Peng! Es dauerte etwas, bis ich bemerkte: Durch meine offenabr höchst elegante Einstiegsaktion ins Zelt hatte ich es geschafft, meine Isomatte zu sprengen. Aber nicht komplett, sondern nur die Befestigungen im Inneren, so dass jetzt eine riesige Beule darin war. Oh man…das kann doch nicht wahr sein! Wenn ich mich schräg drauf lege geht das ja noch, aber das wird doch nicht besser? Egal. Ich schlafe erst mal. Aber es wurde draußen nicht besser. Das große Gewitter war zwar schnell vorbei, aber der Wind blieb. Also Warten. Das kannte ich ja schon…? Aber auch die damit verbundene schlechte Laune. Boa. Noch keine 2 Tage gepaddelt und schon sowas. Ich könnte kotzen. Gleiche Stelle (nee, noch früher), ähnlicher Mist. Warum zur Hölle musste ich das nochmal weitermachen? Es nützte alles nichts. Schlafen. Gucken. Weiterschlafen. Das ging dann auch den Montag so, meine Laune wurde nicht besser. Ich beschloss, in der Nacht zu paddeln, wenn es dann besser wäre. Und tatsächlich, das wurde es. Gegen 23 Uhr packte ich alles zusammen und paddelte durch eine unfassbar schöne Nacht und erreichte am Ende gegen 07.30 sogar – völlig erschöpft – Fort Yukon!

Kanu-Prominenz
Am Anleger erwartete mich eine Überraschung. Wolfang Schwarzer – den Kanuten wird dieser Name sicher etwas sagen – beendete zusammen mit seinen drei Reisegefährten hier seine Tour. Die Welt ist klein.
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Nach dem fälligen Schwätzchen und ein paar Fotos machte ich mich auf zu Ginny, dort wollte ich doch wenigstens Hallo sagen und Grüße von Thommy, Franky und Ralph bestellen. Eine Dusche und Wäsche machen gabs da natürlich auch, und ein ordentliches Nickerchen. Bei Daghos Haus am Fluss (Ginnys Sohn) konnte ich das Kanu parken und zelten. Schnell das zweite Nickerchen im Zelt gemacht, abend gegessen, mit Birgit geskypt und dann war es auch schon 10 Uhr abends – Zeit zum Aufbrechen, denn das Nachtpaddeln wollte ich beibehalten. Offenbar hat mich der Tag bzw. die Nacht vorher aber ziemlich erschöpft, so dass ich relativ früh eine schöne Insel ansteuerte, um Camp zu machen. Kurz vorher konnte ich den ersten freilebenden Wolf meines Lebens sehen – leider hatte ich das falsche Objektiv drauf und die Zeit zum Tauschen war zu knapp. Auf einem Bild kann man erahnen, dass da ein Wolf stehen muss. 🙂
Das Problem an dem Nachtpaddeln ist, dass man tagsüber schlafen muss. Da knallt aber die Sonne aufs Zelt und es wird unerträglich warm. Also aufgepasst, wo man das Zelt aufschlägt. In der nächsten Nacht schaffe ich es bis nach Beaver, einem klitzekleinen Örtchen in den Flats. Um 6 Uhr morgens versank ich fast im Schlamm am Ufer, und schaute mich dann um. Mir wurde schnell klar, hier nicht das Zelt aufzuschlagen. Generatoren liefen, kein geschützter Platz – ich verließ das Dorf wieder und zelte einfach auf der Insel gegenüber. Tagsüber, erholte ich zum Schutz vor der Sonne unterm Kanu im Schatten. Die Erschöpfung im Kopf machte sich bemerkbar, denn mir war irgendwie zum Heulen zumute. „Was tue ich mir hier eigentlich an? Der Fluss wird immer größer und nur mit solchen Verrenkungen funktioniert das? Ewig kann ich nicht durch die Nacht paddeln, denn irgendwann wirds auch wieder dunkel.“ Ich schlief aber unterm Kanu ein und die unproduktiven Gedanken verschwanden damit auch. Ein paar Überraschungen erwarteten mich in der folgenden Nacht: Erst dräute ein Gewitter, so dass ich schon anlegte und im strömenden Regen das Zelt aufbaute, dann verzog es sich wieder. Pah. Ich paddelte weiter.

Denis
Wieder gegen 6 oder 7 Uhr erreiche ich das Ziel, das ich mir vorher ausgeguckt hatte. Dort steht aber schon ein Zelt. Und Zeugs liegt am Ufer. Aber kein Boot? Ist hier etwa ein Unglück passiert? Ich will doch nur schlafen… Ich mache mich auf zum Zelt und rufe. Nach einiger Zeit kommt tatsächlich ein Kopf zum Vorschein. Es ist der Kanadier Denis Morin. Er schwimmt (!) den Fluss runter… Deswegen auch kein Boot. und das Zeugs am Ufer waren seine Ausrüstungs-Bojen(Floße?). Ich will ihn aber nicht lange stören und baue mein Zelt ein bißchen entfernt auf. Natürlich revanchiert er sich des Morgens für das Stören, als er sich verabschiedet. Ich schieße noch schnell ein paar Fotos von dieser für mich noch sehr skurrilen Situation (Denis beim Einsteigen ins Wasser – Neopren, Riverboard und Schwimmflossen), dann verkrieche ich mich wieder. Mistwetter.
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Denis erzählte auch, dass er das Gewitter letzte Nacht volle Rohr abbekommen hätte. Ich bin jedoch überglücklich, dass es schlechtes Wetter hat – es regnet den ganzen Tag. Das heißt für mich: Endlich lange im Zelt schlafen können! Natürlich werde ich etwas nervös, als es so gar nicht aufhören will, aber gegen 23 Uhr hört es doch auf, so dasss ich mich traue, etwas zu kochen und dann gegen 1 Uhr nachts weiterzupaddeln. Ich könnte sogar die Brücke erreichen. ich paddle und padddle also, lasse ds Dorf Stevens Village am Morgen neben mir liegen und bilde mir dann ein, gegen 11 Uhr an der „Brücke“ sein zu können (die Brücke ist die letzte Straßenanbindung des Yukon – siehe auch Eintrag „Little Bernd at the Bridge“). Ganz kurz machen sich ganz absurde Gedanken breit: Ich könnte ja noch Teile vom Viertelfinale gegen Italien sehen… das zerschlägt sich aber alles, als die Flats nach Stevens Village tatsächlich zu Ende sind und ich einsehen muss, dass der Fluss hier einfach nicht genug Strömung hat. Es zieht sich alles furchtbar in die Länge – Kauuuuuuuugummmmiiiiiii. Das ich natürlich schon die ganze Nacht durchgepaddelt bin, macht es nicht besser. Trotzdem schaffe ich es zur Brücke – ca. gegen 15 Uhr lege ich am Anleger an. Total kaputt. Jetzt schnell Birgit angerufen. Hatte ich sie doch gebeten, mit Hilfe meiner Kontakte eine neue Isomatte zu Brücke zukommen zu lassen. Leider hat das nicht funktioniert und ich versuche, mir etwas anderes einfallen zu lassen. Ich merke aber sehr schnell, dass ich sowohl Dünnpfiff denke als auch rede – die Erschöpfung macht sich mehr als bemerkbar – und verschiebe das nach einer sündhaft teueren Dusche und einem Bacon-Cheeseburger auf morgen. Erstmal schlafen.

Paddelbilanz
415 km in 7 Tagen (26.06. bis 02.07.), davon 1 Tag Schlechtwetter-Warten.
Schweres Navigieren? Hm. Bis Fort Yukon ließ ich das Boot treiben, wenn es unklar wurde. So konnte ich erkennen, wo die Hauptströmung lag. Funktionierte hervorragend. Fast zwangsläufig trieb es mich an gewissen Stellen entlang, die ich sogar wiedererkannte. Ab Fort Yukon nutze ich zusätzlich eine Karte, die mir Teilnehmer des Yukon1000-Rennens gegeben hatten (kennengelernt in Dawson vor zwei Jahren). Die Wasserflächen werden ab Fort Yukon größer, so dass man schon recht weit vom Ufer entfernt sein muss, um das Treiben-lassen konsequent fortzuführen. Ich habe die Karten benutzt und es hat funktioniert. Das Anstrengendste war vermutlich der verquere Tag-Nacht-Rythmus, den ich kurz nach dem Verdauen des Jetlags auf mich genommen habe, und die immer größer und langatmiger werdenden Abschnitte. Highlight war natürlich der Wolf! (Fast in der Mitte, zwischen Kiesbank und Treibholz…)
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