Im Kanu auf dem Yukon

Von den Quellseen bis zur Beringsee

Whitehorse – Carmacks

Nach dem 6-tägigen Aufenthalt in Whitehorse mit Wiederauffüllen der Vorräte (eine weitere Tonne ziert nun das Boot) wurde es Zeit, dass ich weiter machte. 7-10 Tage hatte ich für den nächsten Teil einkalkuliert (Whitehorse-Lake Laberge 1 Tag, Lake Laberge 2-4 Tage, Rest bis Carmacks 4-5 Tage), auch wenn es ein Rennen, das sog. „Yukon River Quest“ gibt (Carmacks ist da „Halbzeit“), bei dem die Teilnehmer satte 5 Tage für die Strecke bis Dawson haben. Ich Weichei.

Die ersten  „Stromschnellen“
Ich hatte ja viel Zeit in Whitehorse und so ist mir nicht verborgen geblieben, dass – um die Stelle für Kajak-Fahrer interessanter zu machen – 3 Steinhaufen mitten im Yukon liegen; kurz vor der Einfahrt nach Whitehorse und kurz nach meiner Einsatzstelle am Robert-Service-Campground. „Was soll denn das“ dachte ich und versuchte mich darin, eine für einen Solo-Kanadier mit voller Ladung günstige Route durch das künstliche Spektakel zu finden.  Mit anderen Worten: Ich hatte die Hosen voll. Letzten Endes habe ich das Ding an der Stelle durchfahren, die ich selbst angedacht hatte und mir von mehreren – nicht allen (die haben mich ausgelacht) empfohlen wurde. „Jetzt kanns ja nur noch besser werden“. Wurde es erst mal auch. Lake Laberge erreichte ich noch an diesem Tag wie geplant.

Der See
Hier wird immer wieder vor dem Wind und dem Wellengang gewarnt, besonders bei der Einfahrt in den See. Die Strömungsgeschwindigkeit des Flusses nimmt hier rasant ab, so dass sich die Sedimente „mitten im Eingang“ niederlassen und so für extremes Flachwasser sorgen. Man muss dann sehr weit weg vom Ufer bleiben, was bei einer möglichen Kenterung gefährlich werden kann. Das läuft dann ungefähr so ab: Man bleibt mit dem Boot stecken, kommt nicht mehr von allein frei (Wind kommt auf) und steigt aus. „Was für ein Mist, man versinkt ja im Schlamm – halte ich mich doch mal am Boot fest oder versuche wieder einzusteigen.“ Das Boot ist aber mittlerweile wesentlich leichter geworden (man sitzt ja nicht mehr drin) und wird vom Wind bereits frei- oder schon fortgeweht. Hektisches Festhalten führt dann in der Regel zur Kenterung des Bootes sowie Naßwerden von einem selbst, und – TADA – ist die Kacke 200-300 Meter vom Ufer entfernt in 3 Grad kaltem Wasser am Dampfen. Aber man darf nicht vergessen, dass jedes Jahr zu Hauf Touristen hier drüber paddeln – und heile wieder ankommen.
Und ich? Bin einmal stecken geblieben, es hat sich aber fast von allein wieder frei bewegt. Allerdings kam genau dann langsam der Wind von hinten auf. Entspannung ist was anderes…. Danach habe ich mich erst mal freiwilig trottelbuchten lassen, habe im Dörfchen Upper Laberge ein gepflegtes 1-stündiges Nickerchen auf einer Veranda gehalten (es war niemand im Dorf) bis der Wind wieder weg war und bin dann weiter. Bis zur Mitte des Sees noch an diesem Tag. (Ich musste allerdings 3 weitere Male wegen des Windes pausieren).
Auch am 2ten See-Tag 4 Wind-Pausen, bis sich dann am abend drückende Sonne und ein spiegelglatter See einstellte, so dass ich bis zum Ende des Sees nach Lower Laberge kommen konnte. „2 Tage für den See – da kannst Du Dir ja mal einen Pausentag gönnen, mit dem Wind ist es jetzt ja nach den Seen WIRKLICH vorbei…“
Haha.
Der Pausentag tat gut, eine „geführte“ Gruppe (1 Guide plus ein Ehepaar – allesamt aus Deutschland) kam vorbei und sorgte für sehr angenehme Gespräche. Ich sollte die drei noch wiedertreffen.

Endlich. Der Fluß.
Der Abschnitt von Lower Laberge bis zur Einmündung des Teslin-Rivers bei Hootalinqua, dem sog. „30 Mile-River“ soll der schönste des gesamten Yukons sein. Also kümmerte ich mich nach dem Pausetag nicht um das bißchen Wind und den beginnenden Regen und wurde dann nach ca. 30 km auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Böen bliesen mir auf einmal entgegen, so dass sich das Boot quer stellte und ich es auch mit allem Kraftaufwand nicht mehr in die Spur bringen konnte. „Scheiße“. Also versuchen, ans Ufer zu kommen und warten. Ging irgendwie. Warten? Gefühlte Ewigkeiten. Das ganze 4 mal, bis ich ein Plätzchen entdeckte, an dem ich entnervt das Zelt aufschlagen konnte. Zuvor haben mich noch ein 2er Kanadier (Kyle und Kyle aus England) und 3 Kajaks („Wind sucks, yah?“ – Danke Du mich auch mal!) überholt, die auch mächtige Probleme hatten, aber nicht völlig hilflos waren. Und die ganze Zeit das nervige Pfeifen des Windes in den Wipfeln.
Nächster Tag: Wind. Warten. Schlechte Laune kriegen.
Irgendwann gegen nachmittag dämmerte mir dann langsam, dass ich wahrscheinlich das Boot falsch beladen hatte. Schwerpunkt zu weit hinten. Dann ragt der Bug eher aus dem Waser und bietet einerseits gute Angriffsfläche für den Wind von vorn, andererseits ist dann der Hebel sehr groß (ich sitze näher am Schwerpunkt), den man mit Muskelkraft eigentlich nicht ausgleichen kann. (Zitat des goßen Fahrradmechanikers Igelhorst: „Groß ist des Schlossers Kraft, wenn er mit dem Hebel schafft!“ oder Meister Röööhrich: „Tu mich mal dat tölligen Rohr, dat doaht wie äs Verlängerung“). Also zack – die Querstrebe ausgebaut, die mir sowieso ein Dorn im Auge war, die schweren Fässer nach vorn. Fertig. Zusammen mit der Flaute am abend gings dann doch noch für 15 km aufs Wasser (bis Hootalinqua). Und diese waren tatsächlich welche der schönsten. Eine Elchkuh mit Kalb, die ich sogar auf Film aufnehmen konnte…
Puhhhh. Ich hab mich schon völlig hilflos gefühlt.
Nächster Tag: Das reinste Urlaubswetter, wie man es sich nur vorstellen kann. 95 km geschafft. Yeah. Sah ich 24 Stunden vorher meine Felle schon (im Yukon) davonschwimmen Birgit noch rechtzeitig zu treffen (23. in Carmacks war verabredet), frohlockte ich nun schon wieder, vielleicht schon am 20 dort einzutreffen. Das hätte auch fast funktioniert, wenn…
mich nicht die 3-köpfige Gruppe (s.o.) an irgendeiner Insel „angehalten“ hätte: Ich sah nur, dass eine Gruppe auf einer Insel Rast machte, und habe „Hi there“ rüber gerufen – schwupps kamen Gestalten zum Ufer gerannt: „Bischt Du der Bernd?“ – „Was, bin ich denn hier schon ein bunter Hund?“ dachte ich mir, bis ich die drei wieder erkannte und zu Schokoladenpudding zum Nachtisch eingeladen wurde. Und habe danach dann gleich mein Zelt auch aufgeschlagen und den Rest der Tour bis Carmacks (noch so 30 km) am anderen Tag (der 21. Juni) mit Rudi, Kristin und Jonte (das war der Guide) gemeinsam bestritten.

Birgit
Am 21. habe ich mir dann erst mal am Coalmine Campground in Carmacks eine Dusche gegönnt, mich sortiert und den Plan gefasst, Birgit schon am 22. in Whitehorse zu überraschen. „Ich muss morgen ja nur eine Mitfahrgelegenheit nach Whitehorse finden“… Die fand sich auch, ein deutsches Pärchen – Manu und Micha aus Leipzig – hatten just am 22ten Ihren Rückflug aus Whitehorse – nach 13 Monaten Kanada und USA. Danke fürs Mitnehmen von hier aus noch mal!!! Überraschung geglückt :-*

Am 24. gehts dann weiter (morgen…) Wahrscheinlich werden uns die Yukon-River-Quester „reihenweise“ überholen (66 Teams mit ca. 150 Menschen). Eingeplant haben wir für die Strecke 5-8 Tage. Bis bald!

P.S. Fotos:
Die müssen noch warten. Thomas, es wird welche geben… 🙂

2 Responses to “Whitehorse – Carmacks”

  1. Britta

    Bernd & Birgit, ich wünsch euch eine wunderschöne gemeinsame Zeit auf dem Yukon. Geniesst es! Herrlich klingt das alles… Britta

    Antwort
  2. Maik StG

    Hi Bernd, der Blog ist echt geil und wie man hört scheint es ja ein Riesenabenteuer zu sein! Weiterhin alles Gute für Deine grosse Reise!
    Viele Grüsse

    Maik und Theresa mit Henri

    Antwort

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